Obst in der Stadt ist ein Baustein der notwendigen Transformation der Städte. Wir müssen heute unsere Stadt so gestalten, dass sie „enkeltauglich“ wird. Dies bedeutet tiefgreifende Veränderungen, um vielfältige strukturelle Fehlentwicklungen zu korrigieren, die Stadtleben zu einem teilweise „lebensfeindlichen“ Habitat gemacht haben. Unser Freizeit- und Urlaubsverhalten, das zu einem guten Teil eine Stadtflucht ist, indiziert Mängel unserer gegenwärtigen städtischen Lebenswelt. Sie sind das Produkt von politisch als Sachzwänge vertretenen Positionen, die zu Pfadabhängigkeiten führen, die es zu überwinden gilt, von mangelnder Durchsetzung von Gemeinwohlinteressen gegenüber Eigentumsrechten und von fahrlässiger Ignoranz der bereits irreversiblen Folgen des Klimawandels für unsere städtische Lebenswelt.
Mein eigenes lokales Handeln war vor 25 Jahren die Anlage und Pflege einer Streuobstwiese im Rodenbeker Quellental. Zu einem Hobbypomologen geworden, habe ich zunehmend verstanden, dass Naturschutzgebiete und die Bewahrung einer historischen Anbauform (Streuobst) nur wenig zu einer „enkeltauglichen“ städtischen Lebenswelt beitragen. Wichtige Lektüre zur Frage, was muss getan werden, damit die lebensfeindlichen Fehlentwicklungen in unserer städtischen Umwelt korrigiert werden können, die ich gefunden habe, benenne ich im Anhang. Soweit ich Notizen zum jeweiligen Inhalt gemacht habe, sind diese beigefügt. Sie bieten einen argumentativen Werkzeugkasten zur „solidarischen Transformation“ unserer Stadt.
Mut, dass Veränderungen der städtischen Entwicklung in größerem Maßstab möglich sind, hat mir die Lektüre des Buches „Die Stadt und das Auto, wie der Verkehr Hamburg veränderte“ von Sven Bardua und Gert Kähler in der Schriftenreihe des Hamburgischen Architekturarchivs gemacht. Die Autoren dokumentieren die Irrwege der Stadtplanung, die zur autogerechten Verkehrsplanung verkommen war und allen Ernstes vierspurige Autobahnschneisen bis in die Innenstadt plante und bereits kreuzungsfreie Querungen (Ring 3 City Nord) der geplanten Autobahn errichten ließ. Im politischen Diskurs waren diese Planungen zu Sachzwang der urbanen Modernisierung verpackt worden. An dem weitgehend geräuschlosen Verschwinden dieses vermeintlichen zeitgenössischen Sachzwanges (etwa um 1970) kann man politisch lernen, dass als Sachzwang beschriebene Widerstände gegen die Erfordernisse, nachhaltige urbane Lebensformen solidarisch zu entwickeln, damit das was wir heute tun, sich im Jahre 2050 als „enkeltauglich“ erweist, überwunden werden können, ja müssen.
Verschiedenste Obstsorten in (stadt-)standortgeeigneten Wuchsformen sind verfügbar. Es fehlt an Informationen und Verfügbarkeit in lokalen Pflanzenhandlungen bzw. Gartencentern. Der Pomologenverein in Zusammenarbeit mit dem NABU schlägt die Anlage von Musterpflanzungen für Obstgehölze verschiedenster Art an mehreren Orten in der Stadt vor, die zur Nachahmung im Rahmen bürgerschaftlichen Engagements anregen sollen. Denkbar ist Obst auf den Balkonen, auf Terrassen, als Spalier an Hauswänden, als Wegeinfriedigung, in Gärten, als Straßenbegleitgrün und Ergänzungen in öffentlichen Parks, auf Gründächern und auf Flächen, deren Versiegelung entbehrlich ist.
„Stadtflucht“ darf nicht länger Voraussetzung für Kontakt mit Natur sein. Die Entwicklung von StadtNatur im Rahmen nachhaltiger urbaner Transformation erfordert tiefgreifende strukturelle Veränderungen. Die Minderung des Flächenverbrauchs ist vordringlich, aber längst nicht hinreichend, vielmehr muss durch Investitionen und Änderung der Lebensstile eine Renaturierung von entbehrlich versiegelten Flächen erreicht werden. Anstelle von Entsiegelung ist kompensatorisch die Schaffung von Gründachflächen denkbar. Würden die Dachflächen aller Häuser mittelfristig entweder als Gründächer gestaltet oder aber zur „Ernte“ von Sonnenenergie genutzt werden, würde die angestrebte Dekarbonisierung zur Begrenzung des Klimawandels erheblich beschleunigt werden. Auch die regelmäßigen Hitzestaus in innerstädtischen Bereichen würden erheblich verringert.
Die versiegelten Flächen auf öffentlichen und privaten Grundstücken, die für den ruhenden Verkehr vorgehalten werden, übersteigen die Gesamtfläche verfügbarer Wohnräume. Bezeichnender Weise scheint es keine verlässliche Erhebung dieses für die Beeinträchtigung der Lebensqualität im städtischen Raum gravierenden Sachverhalts zu geben. Diese Versiegelung verhindert jedoch jeglichen Metabolismus (Stoffwechsel durch Sonnenlicht), der aber das Grundelement allen Lebens ist. Auch die gegen Widerstände zögerlich angestrebte Elektromobilität verändert an diesem Sachverhalt nichts. Die Lösung dieses Problems erfordert entweder ein total verändertes Mobilitätsverhalten oder ein massives Investitionsprogramm zu Lasten der Autonutzer zur Schaffung von Flächen für den ruhenden Verkehr entweder unter der Erde oder unter Gründächern, um die bereits heute häufige Überhitzung innerstädtischer Bereiche einzuhegen.
Das Ziel muss sein, statt entbehrlich versiegelter Flächen, von Anwohnern betreute Obstgärten und Gemüseanbau zu schaffen und das Straßenbegleitgrün u.a. zur Bindung von Feinstaub zur Regel zu machen, u.a. auf Kosten von Flächen für ruhenden Verkehr. Statt Bürger aufzufordern, zur Bebauung geeignete Flächen zu melden, sollte man auffordern, entbehrlich versiegelte Flächen zur Renaturierung zu melden.
Die politisch gewollte öffentliche Armut hat die für die Gestaltung öffentlicher Grünflächen zuständigen Behörden gezwungen, in erster Linie kostengünstige Maßnahmen und Bepflanzungen vorzusehen. Aktuelles Beispiel: Nachpflanzung in der Notkestraße, Walnüsse (Juglans regia) waren dort das Straßenbegleitgrün, nachgepflanzt werden wegen Pflegeerleichterung (Aufasten) Juglans nigra, die in Gegensatz zur Walnuss nicht wirklich essbare Nüsse bildet. Eingaben von Anliegern sind negativ beschieden worden. Raum für Experimente, z.B. Pflanzung von Esskastanien im warmen Stadtklima als Ersatz für die offensichtlich totgeweihten Roßkastanien, und Pflanzung von neuen Obstgehölzen, wie Minikiwis oder Urobsthecken in Parks u.a.m. zur Freude der Anwohner ist derzeit nicht gegeben. Das muss sich ändern. Behörden und Bürger müssen sich als Partner zur Schaffung von viel mehr StadtGrün begreifen, um die urbane Lebensqualität zu verbessern. Die Transformation der Stadt kann nur gelingen, wenn die Bürger sie aktiv vorantreiben und die notwendigen Veränderungen, auch der Lebensstile, akzeptieren. Es gilt dabei, neue Wege zu gehen, kontroverse Diskussionen zu führen und auch alte Besitzstände zu hinterfragen. Ein Beispiel: Wäre es für das Gemeinwohl besser, auch kleingärtnerische Besitzstände auf ihre zeitgemäße Gestaltung zu hinterfragen? Wäre in manchen Fällen eine Nutzung als öffentlicher Park angebracht? Grillfeste kann man auch in entsprechend gestalteten Parks durchführen. Errichtung von Schaugärten mit stadtgeeignetem Obst wäre ein Anfang. Anliegerforen kümmern sich um die Transformation ihres Lebensraumes und packen es gemeinsam mit den Gartenbauämtern an. Es gibt dabei viel zu entdecken.
Anhänge:
Diese Anhänge sind als argumentativer Werkzeugkasten für die Schaffung Hamburgs als „Grünstadt“ durch Bürgerbeteiligung geeignet. Bedeutende Lektürefortschritte dokumentiere ich regelmäßig auf meiner Internetseite www.peterlock.de.
Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, Der Umzug der Menschheit: Die transformative Kraft der Städte – Zusammenfassung (44 S.), www.wbgu.de
In dieser Studie wird umfassend ausgeführt, dass die Urbanisierung weltweit dramatisch voranschreitet und detailliert begründet, welche umfassenden Maßnahmen in Einzelnen geboten sind, um nachhaltige urbane Lebenssphären zu schaffen. Die Autoren schlagen den Begriff „solidarische Lebensqualität“ als Zielorientierung der gebotenen Transformation urbaner Lebensformen vor. Dieses erweiterte Verständnis von Lebensqualität besagt. “Es reicht nicht aus, den kurzfristig erreichbaren materiell-ökonomischen Wohlstand, der durch Faktoren wie Wachstum, Beschäftigung und Infrastrukturentwicklung beschrieben wird, von Naturverbrauch und Umweltzerstörung zu entkoppeln („Entkoppelung erster Ordnung“). Vielmehr sollten Lebensqualität und die Definition von Wohlstand entkoppelt werden („Entkoppelung zweiter Ordnung“). Ansatzpunkt ist eine gegenüber dem klassischen Verständnis erweiterte Definition von Lebensqualität und Wohlstand, die über materiell-ökonomische „objektive“ Faktoren hinaus auch „subjektive“ Faktoren wie z.B. Selbstwirksamkeit, Identität, Solidarität, Zugehörigkeitsgefühle, Vertrauen und soziale Netzwerke einbezieht, die zugleich das soziale Kapital einer Gesellschaft ausmachen: den Kitt, der Gesellschaften zusammenhält.“ (S.17) ... „Ein derart erweitertes Verständnis von Wohlstand und Lebensqualität sollte sich – ähnlich wie das Verständnis von Nachhaltigkeit – an den Prinzipien intra- und intergenerationeller Gerechtigkeit orientieren.“ ... „Demzufolge müssen stark konsumorientierte und ressourcenverschwendende, die natürlichen Lebensgrundlagen schädigende Lebensstile verändert werden, aber auch solche Lebensstile, mit denen die Teilhabe anderer Menschen, Gemeinschaften und Gesellschaften in der Gegenwart und Zukunft eingeschränkt wird.“(S.18)
Fazit: „Enkeltaugliche Zukunft“ muss in der Stadt gestaltet werden!
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