„UrbanPom“ – ein Beitrag zu einer enkeltauglichen Stadt

Eine wirkungsmächtige Förderung des Projektes „UrbanPom“(1) als Beitrag zur Schaffung von „enkeltauglichen“ grünen und häufig auch essbaren Lebensverhältnissen in Hamburg erfordert die Beteiligung engagierter Bürger, die Kooperation durch die zuständigen Verwaltungen (BUE, Management des öffentlichen Raumes) und Projektfinanzierungen durch Hamburger Unternehmen, Stiftungen und Vereine. Die kleine Gruppe Hamburger Mitglieder des Pomologen-Vereins(2) kann Ideen entwickeln und anstiften, sie zu realisieren. Da nicht für alle Projekte Erfahrungen verfügbar sein werden, gilt es auch Erfahrungen für die Schaffung lebenswerter Verhältnisse in städtischen Räumen zu sammeln. Das für 2021 in Hamburg geplante internationale Treffen von Pomologen (EUROPOM im September im Botanischen Garten) bietet einen geeigneten Rahmen zum Erfahrungsaustausch auf europäischer Ebene zur Einbringung von Obstgehölzen in städtische Räume.

Mit dem Ziel, eine Diskussion anzustoßen, werde ich ein zentrales Projekt skizzieren, das allerdings viele Partner und Akteure jenseits der kleinen Gruppe der Hamburger Pomologen benötigt.

Im Gegensatz zu den städteplanerischen Visionen der Zeit des Wiederaufbaus zerstörter Städte, die große Anteile der städtischen Flächen für den Autoverkehr(3) vorsahen, besteht heute ein zunehmender Konsens, dass spätestens die Klimaänderung (Hitzestress und Starkregen) andere städteplanerische Prioritäten hin zu einer deutlich „grüneren“ Gesamtfläche(4) erfordert.

In vielen Städten ist man auf der Suche nach Baumarten, die mit den schwierigen räumlichen und klimatischen Bedingungen in Stadtgebieten(5) zurecht kommen. Bei Straßenbäumen kommt hinzu, dass bislang Bäume meist dahingehend ausgesucht und „gepflegt“ werden, um jede erdenkliche Beeinträchtigung des Verkehrs auszuschließen. Häufig wird jedoch der Boden stark verdichtet, ist bis auf einen kleinen Pflanzteller versiegelt und bietet nicht genügend Volumen zur Ausbildung der Wurzeln. Die sorgfältige Schaffung geeigneter Standortbedingungen wurde und wird häufig vernachlässigt, was sich im stark verkürzten Lebensalter vieler heutiger Stadtbäume niederschlägt. Dies mindert das Potenzial der Ökosystemleistungen von Stadtbäumen, das erst von voll entwickelten Bäumen erbracht wird(6). Bei Stadtbaumarten handelt es sich regelhaft um eine Zwangsumsiedlung aus waldartigen Habitaten(7) in völlig andere Standorte und Bodenverhältnisse. Umsicht und Kosten, die notwendig sind, um das Leben von Wildtieren in zoologischen Gärten zu ermöglichen, verweisen darauf, dass im Vergleich dazu „Waldbäume“ in der Stadt bislang stark vernachlässigt werden. Sie erreichen durchschnittlich nur zwischen 25 und 50 Prozent der natürlichen Lebenserwartung. Mit anderen Worten, die Schaffung und Erhaltung von Bäumen in der Stadt zur Umsetzung der inzwischen verbreitet formulierten Ziele für eine grünere Stadt, in der vor allem Bäume erhebliche Ökosystemleistungen für Gesundheit und Lebensqualität in der Stadt erbringen, erfordert sehr viel höhere Aufwendungen als gegenwärtig vorgesehen sind(8). Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten.

Glücklicherweise ist das Einbringen von Obstgehölz in unsere städtische Lebenswelt bereits im Blumentopf auf dem Balkon möglich und bietet Optionen an unterschiedlichen, auch übersehenen und vernachlässigten Orten in der Stadt mit überschaubarem Aufwand, die es zu nutzen gilt.

In verschiedenen Städten werden zum Beispiel inzwischen Bürgerwiesen angeboten, auf denen Obstbäume zur Geburt eines Kindes oder in Erinnerung an eine Person von Bürgern gestiftet werden können. Das Wissen um die Vielfalt der Möglichkeiten, Obstgehölz in unsere städtische Lebenswelt einzubringen, ist vielfach einfach nicht vorhanden(9). Dieser Sachverhalt begründet einen zentralen „pomologischen“ Projektvorschlag.

„Pomologischer Sondergarten“ oder „Pomologische Musterpflanzung“

Es gibt in Hamburg nicht nur den Botanischen Garten, der in seiner Gestaltung umfassend die Vielfalt botanischer Habitate weltweit zeigt, sondern in Wandsbek gibt es den kleinen Botanischen Sondergarten, der umfassende Anschauung zur Gartengestaltung demonstriert und in unterschiedlichen Veranstaltungen das hierzu notwendige Wissen vermittelt(10).

Zur Umsetzung des Projektes „UrbanPom“ wäre es optimal, wenn es gelänge, die Schaffung eines „Pomologischen Sondergartens“ an einem geeigneten Ort in Hamburg zu erreichen. Dieser Garten böte die Möglichkeit, die zahlreichen Obstsorten, von denen viele wenig bekannt sind, in allen verfügbaren Wuchsformen darzustellen und die Hamburger Bevölkerung zu deren Pflanzung anzuregen. Ein derartiges Vorhaben ist anspruchsvoll, aber die Aufgabe unsere Stadt so zu entwickeln, dass unsere Enkel in der städtischen Lebenswelt gerne leben werden, ist es auch. Bislang genügen weder die Politik noch das Handeln der Menschen in Hamburg dieser Zielsetzung. Aber das Bemühen zur Einrichtung eines „Pomologischen Sondergartens“ kann ein wichtiger Baustein zu großer Bürgerbeteiligung auf dem Weg zu einem „enkeltauglichen Hamburg“ werden.

Die Umsetzung dieser Projektidee erfordert in jedem Falle eine breite Unterstützerallianz, die die politischen Entscheider überzeugen kann. Bei dieser Allianz geht es einerseits um die Einwerbung der Mittel, die für die Ausarbeitung einer Planungsgrundlage und Startinvestitionen benötigt werden und andererseits um die Schaffung einer Konsultationsstruktur, die interessierte Personen, Umweltverbände, lokale Vereine, lokale Initiativen, Fachleute der Gartenbau- und Landschaftspflegebranche, Sponsoren und weitere Interessierte zusammenführt. Die Startenergie hierzu wäre vor allem von den Mitgliedern des Pomologen-Vereins zu erbringen.

Die Zielsetzung, einen Beitrag zu einem „enkeltauglichen, grüneren, auch essbaren Hamburg“ erbringen, erfährt sicherlich zunehmend breite Unterstützung(11). Das vorgeschlagene Projekt ist überschaubar und will allen Hamburgern Anregungen bieten, eigene Beiträge zu der angestrebten Zielsetzung einer lebenswerten Zukunft der unweigerlich weiter wachsenden Stadt Hamburg erbringen. Viele Beiträge erfordern keinesfalls große Aufwände, müssen aber erst als Möglichkeit vorgeführt werden. Es gibt für jeden in Hamburg viele pomologische Möglichkeiten, heute zu einem lebenswerten Hamburg für unsere Enkel beizutragen.

12. Juli 2020 Peter Lock

Anmerkung: Diese Notiz versteht sich als eine erste Anregung, ein Projekt mit dem Arbeitstitel „Pomologischer Sonder- oder Mustergarten“ in einer offen angelegten Diskussion zu entwickeln und mit breiter Unterstützung zu realisieren. Über Kommentare und kritische Anmerkungen würde ich mich freuen. Ich hoffe auf eine engagierte und produktive Diskussion und werde den Stand der Diskussion allen Beteiligten regelmäßig mitteilen

(1) Verwendete Materialien zum Thema Eine erste Bestandsaufnahme von Obstbäumen in Hamburg hat Joachim Reinig in der Broschüre https://www.pomologen-verein.de/media/user_upload/Landesgruppen/SH-HH/UrbanPomDoku.pdf bereits im Jahre 2017 vorgelegt.(2) https://www.pomologen-verein.de/landes-und-regionalgruppen/lg-schleswig-holstein-hamburg
(3) Sven Bardua, Gert Kähler, Die Stadt und das Auto – Wie der Verkehr Hamburg veränderte, Hamburg (Dölling und Galitz Verlag) Hamburg 2012.
(4) Naturkapital Deutschland – TEEB (2016), Ökosystemleistungen in der Stadt – Gesundheit schützen und Lebensqualität erhöhen, Berlin, Leipzig; Bundesstiftung Baukultur (BSBK), Baukultur Bericht 2020/21 Öffentliche Räume, Juni 2020.
(5) Melanie Forker, Markus Bouwman, Andreas Roloff, Baumarten für den Klimawandel – 10 Jahre Waldlabor Köln, in: AFZ Der Wald 12/2020, S.12-15.
(6) Andreas Roloff, Bäume in der Stadt, Stuttgart (Eugen Ulmer) 2013, S.8ff.
(7) Humberg Katalog, S.10ff Baumschutz und Platzgestaltung (https://humberg-baumschutz.de/katalog).
(8) Andreas Roloff a.a.O. S.9f. und Kapitel 2.
(9) Sehr informative Darstellungen der stadtgeeigneten Obstvielfalt finden findet man in Büchern von zwei Leitern „Hamburger“ Baumschulen. Peter Klock, Torsten Klock, Obstgehölze für kleine Gärten – Anbau, Pflege, Ernte, Schwarzenbek (Cadmos-Verlag) 2012; John-Hermann Cordes, Niels Sommer, Obstgehölze, Wien (avVerlag) 2006. 
(10) https://www.hamburg.de/wandsbek/botanischer-sondergarten/
(11) Am Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung e.V. in Dresden wird umfassend zum Thema „Essbare Städte“ geforscht. Erste Ergebnisse liegen als eBook vor. Making Green Cities: Concept, Challenges and Practice, Cham: Springer International Publishing 2020.