Die Ausgangslage: Nach dem verbindlichen Beschluss der Vereinten Nationen ein abgegrenztes Territorium des britischen Mandatsgebietes Palästina als Israel zu begründen, erklärte eine Allianz arabischer Staaten das Ziel, diese Staatsbildung in Palästina, auch mit militärischen Mitteln, wieder rückgängig zu machen und die aus dem israelischen Territorium vertriebene und geflohene palästinensische Bevölkerung wieder zurückzuführen. Der so bedrohte israelische Staat wurde vor allem von den USA, Deutschland ab 1953 und bis 1957 Frankreich umfassend aufgerüstet und wirtschaftlich durch erhebliche Schenkungen unterstützt. Im ersten Jahrzehnt betrug der Anteil der Schenkungen <non-requited tranfers laut IWF> immer nahe bei einem Fünftel des Bruttosozial-produkts.
Seit der Gründung des Staates Israel waren es vor allem AiPAC in den USA in Verbindung mit der Funktion Israels als landgestützte Basis zur militärischen Sicherung der amerikanischen Interessen am Öl in der Region (arabische Staaten und Persien), die eine militärische Sicherung des neuen Staates garantierten. Eine militärische Ergänzung war die von Großbritannien gepachtete Insel Diego Garcia im indischen Ozean, deren indigene Bevölkerung vertrieben wurde. Die umfängliche Lagerung von amerikanischen Waffen und Munition in Israel und auf Diego Garcia wurde auch nach der energetischen Eigenversorgung der USA, vor allem durch „fracking“, fortgeführt. Dies erklärt die umfängliche Versorgung der israelischen Streitkräfte nach dem 7. Oktober ohne massive Lufttransporte mit Waffen und Munition durch die USA. Das gelieferte Kriegsgerät befand sich zu großen Teilen offensichtlich bereits in amerikanischen Depots auf israelischem Territorium. Die von Deutschland gelieferten Waffen hingegen sind sämtlich zeitnah importiert worden.
Es ist absehbar, dass die USA als globaler, militärisch global präsenter Hegemon in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung verlieren werden. Dies wird auch die bislang wahrgenommene Rolle als besonderer Schutzpatron Israels schwächen, weil bei aller Anstrengung von AIPAC die zweite Funktion des israelischen Territoriums als landgestützte Basis für Interventionen im arabischen Raum dabei ist, zunehmend an Bedeutung zu verlieren. Zu klären wird sein, wie stark die MAGA-Basis einer möglichen Regierung Trump auf fundamentalistische Baptisten angewiesen sein wird, die ebenfalls den alttestamentarischen Anspruch Israels auf das gesamte Territorium westlich des Jordans vertreten.
Zusätzlich zur militärischen Sicherung des Staates Israel in einem auf dessen Vernichtung gerichteten Umfeld vieler nahöstlicher Staaten wird eine fortgesetzte politische Unterstützung des israelischen Staates auch von bewusst in der Diaspora lebenden jüdischen Menschen gefördert. Sie wird aber angesichts der derzeit orthodox-religiös dominierten Politik des Netanjahu-Regimes weniger Gehör finden. Ein Teil der jüdischen Diaspora kommt angesichts der Entwicklung in Israel zur Einschätzung, dass die Zukunft jüdischen Lebens in der weltweiten Diaspora liegen wird. Das politische, wirtschaftliche und damit auch das militärische Gewicht der islamisch geprägten Staaten im Nahen Osten wird sich in den nächsten zwanzig Jahren erhöhen. Gleichzeitig wird die global ausgerichtete Rolle der amerikanischen Streitkräfte an Bedeutung verlieren.
Welche Zukunft? „Wenn wir verlieren“ ein nachdenklicher Artikel einer jüdischen Dänin, Kathrine Tschemesinski in der SZ 22/23.6.2024 S.15 hat mich zu einem spekulativen Scenario Israels angeregt, das hoffentlich nicht eintreten wird.
Im Jahre 2050 spätestens werden die Vereinigten Staaten längst nicht mehr der globale Hegemon sein, der sie einmal waren. Dies wird sich in einem langsamen Prozess vollziehen, den die amerikanische Politik nur sehr verzögert wahrnehmen wird. Zeitverzögert wird das globale Netz militärischer Vorhaltung zur Sicherung politischer Kontrolle seine Wirksamkeit verlieren und schrittweise abgebaut werden. Die Rolle des Schutzpatrons des jüdischen Staates Israel wird im Rahmen geänderter globaler Machtverhältnisse nicht mehr wirkmächtig sein. Die israelische Regierung, bereits lange von radikalen orthodoxen Politikern dominiert, sieht sich auf dem Wege, den Zustand Eretz Israel vom Jordan bis zum Mittelmeer endgültig zu erreichen, wird aber von gestärkten arabischen Staaten militärisch besiegt werden und muss „unconditional surrender“ akzeptieren, weil bis dahin alle Versuche gescheitert waren bzw. gezielt verhindert wurden, eine politisch einvernehmliche Lösung für das Palästinaproblem zu finden. Dies würde das Ende israelischer Staatlichkeit angesichts der wirtschaftlichen und militärischen Überlegenheit der Staaten im Nahen und Mittleren Osten bedeuten, die auf einem „unconditional surrender“ jüdischer Staatlichkeit im arabischen Raum bestehen werden.
Die orthodoxen Fanatiker und Religionskrieger, die in einer vormilitärischen Akademie „Bnei David“ auf ihre Rolle in der israelischen Armee vorbereitet werden, werden in dieser Situation als „Gottes Terrorristen“ den vergeblichen Kampf um „Eretz Israel“ fortführen. Auf palästinensischer Seite gibt es ebenfalls „Kämpfer“, die sich als islamische Gotteskämpfer verstehen und am 7. Oktober mit kaum vorstellbarer Brutalität ein vermeintlich religiöses Gebot vollstreckt haben. In Israel und im arabischen Palästina sind die absoluten religiösen Krieger eine Minderheit, die gleichwohl bislang mit Gewaltakten jede politische Annäherung verhindert haben.
Meine Bausteine auf diesem Weg beruhen auf Vergleichen mit Pfad des Deutschen Reiches auf dem Weg zum „unconditional surrender“ im Jahre 1945. Das was sich im Westjordanland während der nunmehr schon mehr als 50jährigen militärischen Besetzung ereignet, vergleiche ich mit der deutschen Besatzung im sog. Generalgouvernement in Zeitlupe; die totale Zerstörung Warschaus im Jahre 1944 zur Vernichtung der beiden polnischen Befreiungsbewegungen <Armia Ludowa und Armia Krajowa> mit dem Krieg in Gaza; die vormilitärischen „Akademien“ wie Bnei-David, bereits 1988 im Westjordanland gegründet, sind eine „Kaderschmiede“ für orthodoxe junge Männer, die als Soldaten um jeden Preis für das Ziel des alttestamentarischen Anspruches auf das biblische Palästina vom Jordan bis zum Mittelmeer kämpfen sollen mit den „national politischen Anstalten <Napola>, jene vormilitärischen Gymnasien zur Auswahl zukünftiger SS-Soldaten für den Kampf des rassenideologischen Herrenvolkes mit dem Ziel der Herrschaft über Europa; mit der gegenwärtigen Regierung mit zwei „terroristischen“ rechtsradikalen Ministern hat Netanjahu die Kontrolle über die Politik verloren, seine Rolle ist vergleichbar mit Hindenburg, der Hitler zum Reichskanzler berufen hat und damit faktisch alle Macht an die Nazis verloren hatte, die nur mit dem „unconditional surrender“ des Dritten Reiches“ beendet werden konnte.
Im Sportpalast 1943 in Berlin war es auserwähltes „Volk“, das die Aufforderung zum unbedingten Siegeswillen bejubelt hat, vor beiden Häusern des amerikanischen Kongresses ist Netanjahus beängstige Parole „Hamas ist unser Feind, unser Feind ist euer Feind, unser Sieg ist euer Sieg“ mit stehendem Applaus der anwesenden gewählten Repräsentanten des amerikanischen Volkes bestätigt worden.
Juli 2024 Peter Lock