Vorab zu meiner Person: Ich bin Sozialwissenschaftler, kein Spezialist (weder Biologe, Botaniker, Dendrologe oder Entomologe usw.) für die konkreten Probleme des Naturschutzes u.a. in der Stadt. Gemeinsam mit meiner Frau engagieren wir uns kritisch in Sachen Naturschutz seit über dreißig Jahren, seit über zwanzig Jahren betreuen wir eine von uns angelegte Streuobstwiese im Rodenbeker Quellental.
Bei Natur, die man schützen und restaurieren möchte, handelt es sich immer um Kulturfolgebiotope. Daher erweist sich der oft formulierte Wunsch „zurück zur Natur“ als eine nicht zukunftsfähige Ideologie. Angesichts der gegenwärtig verschärften Vernichtung biologischer Vielfalt durch industrialisierte Landwirtschaft, angetrieben durch staatliche Regulierung und Subventionierung von sog. erneuerbarer Energie (Raps und Mais), fragt die grundlegende Studie zu Ökosystemleistungen in der Stadt, „in welchem Ausmaß Städte nicht nur zu einer Gefährdung, sondern auch zur Bewahrung der biologischen Vielfalt beitragen“1. Die stolz ausgewiesenen Naturschutzgebiete bleiben gegenüber den laufenden Prozessen der Vernichtung von Biodiversität quantitativ ein Alibi, die bestenfalls als zum Scheitern verurteilte Versuche gelten können, vermeintliche „kleine Archen Noah“ zu schaffen. Die über 20 000 Mitglieder des NABU müssen daher die städtischen Räume auch als Horte der Bewahrung von Biodiversität erkennen und deren Sicherung und Förderung sowohl einfordern als auch sich aktiv daran beteiligen.
Der tägliche Flächenverbrauch in Deutschland für Bebauung, Infrastruktur, also Versiegelung beträgt noch immer 70 ha in Deutschland. Für eine zukunftsfähige Entwicklung Deutschlands werden jedoch maximal 30 ha ab spätestens 2020 erachtet. Entsiegelung ist daher unausweichlich.
Die Entwicklung städtischer Räume in der 2. Hälfte des 20sten Jahrhunderts zeichnet sich durch Lebensfeindlichkeit aus. Die logische Folge waren und sind noch immer verschiedene Formen der Stadtflucht. Da ist zunächst die unbegrenzte, steuerlich geförderte Aussiedlung in Eigenheime im sog. Umland, da ist aber auch der geradezu verinnerlichte Anspruch an Wochenenden und in Urlauben der lebensfeindlichen Stadt zu entfliehen. Die Folge sind immer neue versiegelte Verkehrsinfrastrukturen und sehr viel klimaschädliches CO2.
Strategien zum Rückbau nicht unverzichtbarer Versiegelung dürfen sich nicht von vermeintlichen Sachzwängen behaupteter Modernisierung abschrecken lassen. Auch der weltweit steigende Anteil der Bevölkerung in Städten bedeutet nicht zwangsläufig weitere Versiegelung. Ein Rückblick auf die vor über 50 Jahren fest geplante Stadtentwicklung Hamburgs zeigt, dass zumindest die geplante „Verautobahnung der gesamten Stadt“ abgewendet werden konnte.2
Das aktuelle Thema StadtNatur ist ein noch viel zu zaghafter Versuch, diese Entwicklung aufzuhalten, umzukehren und lebensfreundliche Verhältnisse in unseren Städten zu schaffen. Bislang beschränken sich Widerstände häufig gegen behauptete Sachzwänge anzugehen, weitere Flächen zu bebauen und Verkehrsflächen zu schaffen. Es entstehen falsche Gegensätze wie Flüchtlinge oder Natur. Diese Widerstände für StadtNatur müssen daher mit der strategischen Vorgabe vorangebracht werden, bedeutende Teile der existierenden Versiegelung städtischer Räume für Stadtgrün freizulegen und die Bebauung lebensfreundlich zu verdichten und zu begrünen, vor allem die Dachflächen, soweit sie nicht zur Ernte von Sonnenenergie ausgebaut sind. Der politische Wille für StadtNatur muss entwickelt werden, die Möglichkeiten sind gegeben. So hat die dicht bevölkerte Stadt Singapur innerhalb von 20 Jahren den Anteil der Grünflächen auf städtischem Gebiet von 36 % auf 48 % gesteigert, um vor allem das Stadtklima deutlich zu verbessern3.
Der Klimawandel erhöht in massiver Weise den Handlungsbedarf, StadtNatur zu fördern, die Stadt, wo immer möglich zu entsiegeln. Die klimatische Regulierungsleistung durch StadtNatur wird bei der Prioritätensetzung städtischer Investitionen nach wie vor unterschätzt. Mit anderen Worten, Investitionen in StadtNatur rechnen sich volkswirtschaftlich, wie die zitierte Studie zu Ökosystemleistungen in der Stadt detailliert belegt. Die Fixierung auf die volkswirtschaftlich völlig sinnfreie schwarze Null verhindert derzeit eine zukunftsfähige Gestaltung der Stadt. In diesem Kontext werden Pflanzen, Sträucher und Bäume notwendigerweise so gewählt, dass möglichst geringer Pflegeaufwand entsteht. Erschwerend kommt der Klimawandel hinzu. Einheimische Gehölze sind dem Hitzestress in versiegelten innerstädtischen Bereichen nicht gewachsen, sodass aus dendrologischer Sicht dort nur Gehölz aus entsprechenden Klimazonen4 in Frage kommt.
Im Kontext der Kampagne von Naturschutzverbänden für den Erhalt von Biodiversität auch vermittels StadtNatur kommt Obst als Teil des Stadtgrüns eine verstärkende Rolle zu, weil Obst in der StadtNatur Anstöße zu sozialem Miteinander gibt. Das gilt im besonderen Maße für Kinder.
Ausgangspunkt der Kritik der zu geringen Bewertung von StadtNatur in den von politisch gewollten Sparzwängen geprägten städtischen Haushalten muss die Forderung nach lebensfreundlichen (Umwelt)Bedingungen im städtischen Raum sein. Hierzu muss es zu einer konstruktiven Zusammenarbeit der Naturschutzverbände und deren vielfältige Expertise und den Gartenbauämtern und Forstämtern kommen, um StadtNatur nachhaltig zu fördern. Dort wo den Gartenbauämtern eigentlich benötigte Mittel fehlen, muss gemeinsam nach Wegen gesucht werden, mit privaten Mitteln und Initiativen eine an Biodiversität orientierte StadtNatur zu fördern. Die gegenwärtige Situation ist auf Seiten der Gartenbaubehörden oft von einer Abwehr von Einmischung von außen geprägt und auf Seiten der wahrscheinlich über 50 000 Hamburger, die Mitglied einer Natur- oder Umweltschutzorganisation sind, wird noch zu wenig politischer Druck für bessere Pflege und Ausweitung von dringend notwendiger StadtNatur mobilisiert. Zudem könnten aus diesem großen Kreis Hamburger sehr viele praktische Eingriffe zur Förderung von StadtNatur initiiert werden. Hierzu fehlt es u.a. auch an neuen Ideen und soliden Erfahrungen. Denn StadtNatur ist sehr viel umfassender als die bisher typische Pflege von Ökotopen mit möglichst geringen Störungen durch die Stadtbewohner. StadtNatur muss auch und vor allem dort stattfinden, wo die Stadtbewohner leben und arbeiten. Die nicht länger lebensfeindliche Stadt muss anstreben, die Trennung von Stadt und Natur, wo immer möglich, aufzuheben.
Zu ersten Schritten auf diesem Weg will die Landesgruppe des Pomologen-Vereins mit Test- und Musterpflanzungen beitragen, möglichst in Zusammenarbeit mit den zuständigen Referaten in den Bezirken. Auch für die Pomologen ist der „Gang in die Stadt“ Neuland, das wir aber energisch bearbeiten wollen und auf Unterstützung u.a. durch den NABU hoffen.
Es gibt einerseits zahlreiche wenig beachtete, aber in unterschiedlichen Wuchsformen für sehr unterschiedliche Orte im städtischen Raum geeignete Obstsorten, andererseits gehören zahlreiche geeignete Obstsorten nur in sehr geringem Umfang oder im Falle der Walnuss überhaupt nicht in das Pflanzprogramm der städtischen Gartenbauämter. Zu wenig bekannt ist, dass es nahezu alle Obstsorten als sog. Säulenbäumchen gibt, die im Topf auf jedem Balkon wachsen. Aber auch für Spaliere mit unterschiedlichen Obstsorten gibt es in der Stadt viele ungenutzte Orte. Wenig bekannt ist, dass es zahlreiche mundgerechte Kiwisorten gibt, die bei ausreichender Bewässerung Hitzestress und Kälte vertragen. Sie lassen sich als Wegebegrenzungsspaliere pflanzen und dürften sich auf dem Gelände von Kindergärten großer Beliebtheit erfreuen.
Zu Walnuss und Kiwi habe ich Material zusammengetragen, das ich in Notizen jeweils zusammengefasst habe. Zu vielen anderen Obstsorten kann es meines Wissens ebenfalls soweit zusammengetragen werden, dass man in Muster- bzw. Testpflanzungen in den Bezirken die möglichen Beiträge von Obst zur StadtNatur zur Nachahmung bekannt machen kann.
Dazu bedarf es intensiver konzeptioneller Vorarbeiten, die es ermöglichen hierzu benötigte Mittel einzuwerben. Gleichzeitig müssen Handreichungen zur richtigen Pflanzung und Pflege der einzelnen Obstmuster erarbeitet und vervielfältigt bereitgestellt bzw. im Internet angeboten werden. Gartenbaumärkte mit Schwerpunkt Obst müssen in das Projekt „Obst in die StadtNatur“ eingebunden werden, damit das benötigte Pflanzgut dann auch zur Nachahmung verfügbar sein wird. Es gibt viel zu tun, aber wir wollen es anpacken. Bereits dieser Workshop wird sicherlich zahlreiche neue Anregungen bringen und dem Projekt eine Eigendynamik verleihen und Obst in die Stadt bringen und damit letztlich auch die Biodiversität stärken.
1 Naturkapital Deutschland –TEEB, Ökosystemleistungen in der Stadt Gesundheit schützen und Lebensqualität erhöhen, hg.von Ingo Kowarik,Robert Bartz und Miriam Brenck, Berlin, Leipzig 2016, 300 Seiten (A 4); S.18.
2 Sven Bardua und Gert Kähler zeigen sehr anschaulich, wie zumindest die aberwitzigsten Pläne die Stadt noch stärker „autogerecht zu modernisieren“, im Prozess ihrer Umsetzung gestoppt wurden. Die Lektüre ihres anschaulichen Bildbandes hilft, das Thema Klimawandel und StadtNatur nicht mehr nur defensiv anzugehen, sondern konkret die Schaffung einer lebensfreundlichen Stadt einzufordern. Sven Bardua, Gert Köhler, Die Stadt und das Auto, Wie der Verkehr Hamburg veränderte, Schriftenreihe des Hamburgischen Architekturarchivs, München und Hamburg 2012, (Dölling und Galitz Verlag) .
3 Die Beseitigung von versiegelten Flächen für den ruhenden Verkehr war ein wichtiger Teil dieser Entwicklung. Tiefgaragen, Parkhäuser und grüne Dächer über Parkflächen und Einschränkungen des Individualverkehrs gehören zu dem Maßnahmenkatalog in Singapur, alles auch in Hamburg machbare Vorhaben.
4 Derartige Importe bedeuten aber mangels Integration in gewachsene Biotope keineswegs einen Beitrag zur Biodiversität.