Gärten in der Stadt (urban gardening) Der Beitrag der Pomologie zur einer Renaissance unseres Lebensraumes Stadt


 

Unaufhaltsam wachsende Städte werden zum Lebensmittelpunkt inzwischen der Mehrheit der Weltbevölkerung. Bei Fortschreibung der bisherigen Entwicklung städtischer Räume entstehen immer größere versiegelte Flächen, deren gesundheitliche und mikroklimatische Auswirkungen lebensfeindlich sind. In wohlhabenden Ländern haben sich die meisten Menschen in den letzten Jahrzehnten in dieser Entwicklung eingerichtet. Mit extrem hohem Verbrauch bislang zumeist fossiler Energie werden die Arbeits- und Lebensräume in den im Sommer aufgeheizten Bereichen innerstädtischer Verdichtung klimatisiert.

Wer über das notwendige Einkommen verfügt, flieht in das städtische Umland und baut sein Haus mit Garten. Die Folge sind immer mehr versiegelte Verkehrsfläche und Umweltbelastungen durch höheres Verkehrsaufkommen. Urlaube weit entfernt von unserem naturfernen Wohnumfeld, möglichst mehrfach im Jahr, zu verbringen oder wenigstens am Wochenende der Stadt zu entfliehen, ist längst zu einem verinnerlichten Anspruch geworden, der sich u.a. im Feiertagsverbot für Gütertransport auf der Straße manifestiert. In einigen Jahrzehnten werden Soziologen die heutige soziale Norm des Ferntourismus als Fluchttourismus kennzeichnen, Flucht aus dem belasteten Wohnumfeld aufs Land, an Strände, auf Kreuzfahrtschiffe, in ferne Länder, organisiert von einer Tourismusindustrie, die die von ihr allseitig erzeugte Umweltbelastung ausblendet.

Für die Sonne als primäre Quelle allen Lebens durch Photosynthese sind unsere versiegelten Städte leblose Wüsten geworden. Noch sind es nur Minderheiten, die sich für eine tiefgreifende Umgestaltung des städtischen Lebensraumes einsetzen und sie gleichzeitig aktiv voranbringen. Die sozialen Initiativen des Urban Gardening, der Anlage von Gärten in der Stadt, denunzieren mit ihrem Tun die lebensfeindliche autogerechte Gestaltung unserer Städte. Erste kleine Schritte, wie die Förderung von Gründächern in Hamburg, zeugen von noch zaghaftem Bemühen die Fehlentwicklungen der letzten Jahrzehnte zu korrigieren und attraktive Lebensqualität in unseren Städten zu schaffen.

Das Gärtnern in der Stadt verändert unser Wohnumfeld. Was auf Balkonen beginnt, breitet sich an oft unverhofften Stellen im Wohngebiet aus. Noch nimmt eine Mehrheit der älteren Generation das Gärtnern in der Stadt als widerständige Kauzigkeit einer Minderheit wahr. Tatsächlich aber betreiben jüngere Menschen in großer Zahl in London, New York, Berlin und anderswo mit großer Energie Urban Gardening und stellen damit grundsätzlich die jahrzehntelang hingenommene Entwicklung städtischer Räumlichkeit in Frage und fordern die Beteiligung aller Anwohner an der Gestaltung ihrer städtischen Wohnquartiere.

Im Gegensatz zur Schrebergartenbewegung, die Erholung von lebensfeindlichen Wohnquartieren und subsistenzwirtschaftliche Eigenversorgung als Ergänzung zu mageren Einkommen bot und räumlich von den Wohnquartieren getrennt blieb, ist das Gärtnern in der Stadt eine soziale Aktivität unmittelbar im Wohngebiet. Es ist eine dynamische Belebung der versiegelten städtischen Wohnquartiere, die sich umgehend an überflüssiger Versiegelung reiben wird und angesichts städtischer Verdichtung Dachgärten als Baunorm in verdichteten städtischen Quartieren einfordern muss.

Das Argument, dem Gärtnern in der Stadt fehle der notwendige Raum, beruht auf der Fixierung des Status quo als alternativlose Gestalt unserer städtischen Lebenswelt. Sie ist dem politisch mächtigen Zusammenspiel wirtschaftlicher Interessen und den die rechtlichen Rahmenbedingungen setzenden Gremien geschuldet. Angesichts knapper städtischer Flächen ist es geradezu skandalös, dass großflächige Supermärkte als ebenerdige Luxusbaracken umgeben von riesigen versiegelten Parkflächen eher die Regel als die Ausnahme sind. Die Selbstverständlichkeit mit der versiegelte Flächen für ruhenden Verkehr im öffentlichen Raum und auf privaten Flächen vorgehalten werden, muss angesichts mikroklimatischen Krisen im städtischen Raum kritisch hinterfragt werden. Will man den lebensfeindlichen Charakter der verdichteten und versiegelten städtischen Räume überwinden, müssen langfristig, wo immer möglich, die Flächen für ruhenden Verkehr entweder unterirdisch organisiert oder unter ein Gründach gebracht werden.

Unserer Verantwortung gegenüber nachfolgenden Generationen werden wir nicht mit der aktuell beschworenen „schwarzen Null“ öffentlicher Haushalte gerecht, vielmehr müssen wir den Lebensraum Stadt neu denken und damit beginnen, die leblose versiegelte „Wüste“ verdichteter Städte aufzubrechen und Räume zu schaffen, in denen wir uns und unsere Nachkommen wohlfühlen werden. Parallel zum Atomausstieg und dem Ende der Nutzung fossiler Energie muss Hamburg bei Google Earth in dreißig Jahren als von Wasser geprägte überwiegend grüne Fläche erscheinen. Das erfordert ein intensives Bürgerengagement und klare zielgerichtete Regulierung für den Umbau der Stadt, in der ein breites Spektrum von Ökosystemleistungen(1) angenehmes Leben bietet.

In diesem dynamischen Prozess der urbanen Konversion wird die Pomologie einen wichtigen Beitrag leisten können, indem sie sich ihrer historischen Wurzeln in den aristokratischen Lustgärten im Zeitalter der Renaissance besinnt und aufzeigt, wie vielfältig und geeignet das breite Spektrum von Obstsorten und deren variable Wuchsformen für die unterschiedlichsten Nischen für das Gärtnern in der Stadt ist. Obstgewächse sind immer eine Zierde, meistens tragen sie Früchte, die man gerne erntet. Das Apfelbäumchen im Topf auf dem Balkon oder das Obstspalier an der Westwand eines Hauses, der Anbau wunderschön rankender und blühender Obstsorten wie Kiwi oder Wein, große Obstbäume als Straßenbegleitgrün, betreut von einem Paten aus dem Wohnquartier sind nur einige Beispiele für pomologische Beiträge zur Konversion des städtischen Raumes zu einem Raum, in dem wieder viel Photosynthese und damit Leben stattfindet.

Auf dem Weg dorthin wird viel Neues zu testen sein. Man wird Erfahrungen sammeln. Hierzu möchte der Pomologen-Verein u.a. mit Schaugärten im öffentlichen Raum Hamburgs beitragen und zur Nachahmung geeignete Obstsorten vorführen. Er will pomologische Anstöße zum Umbau unserer städtischen Lebenssphäre liefern

Entwurf 20. Juli 2016 Peter Lock

 

1 Das breite Spektrum von Ökosystemleistungen in der Stadt für Gesundheit und Lebensqualität wird in einer gerade erschienenen umfassenden Studie ausgeleuchtet und bewertet. (Siehe: www.naturkapitalteeb.de). Sie bietet eine fundierte Anleitung für die notwendige Revitalisierung unserer Städte.