Esskastanien in Hamburg ?

Notizen von Peter Lock (Sozialwissenschaftler i.R., seit etwa 1990 NABU-Mitglied und 1994 Mitglied im Pomologen-Verein und gemeinsam mit meiner Frau Anlage einer Streuobstwiese im Rodenbeker Quellental) Seither intensive Beschäftigung mit pomologischen Fragen und allgemeinem Naturschutz und in der Folge mit „UrbanPom“ (Schaffung einer grüneren, für Mensch und Vögel auch essbaren, enkeltauglichen städtischen Lebenswelt).

Die Diskussion um die Pflanzung von Esskastanien betrifft zahlreiche Aspekte. Ich werde meinen Wissensstand zu folgenden Fragen skizzieren.

  • Kontroversen zum Thema „heimische Art“

  • Anmerkungen zu Castanea sativa

  • Bedeutung dieser Baumart für Insekten und die Fauna insgesamt

  • Sortenwahl, vor allem gutes Fruchten

  • Eignung als Straßenbäume in Hamburg

  • Hinweise auf hilfreiche Literatur 

Kontroversen zum Thema „heimische Art“

„Heimisch“ gilt seit Gründung des NABU vor über einhundert Jahren als ein Grundfeiler des Naturschutzes, den die aktuelle Forschung verschiedener Disziplinen jedoch nicht länger als angemessen betrachtet. Besonders gewichtig erscheinen mir u.a. die Befunde der Paläobotanik, die z.B. ermittelt hat, dass nahezu alle heute weltweit bekannten Nussarten voreiszeitlich in Europa nachgewiesen werden konnten. (Jonas Frei, Die Walnuss – Alle in Mitteleuropa kultivierten Arten. Botanik, Geschichte, Kultur, AT-Verlag 2019). Einige wenige Arten sind mit der nacheiszeitlichen Erwärmung des Klimas wieder nach Europa eingewandert und wurden kultiviert, sie gelten daher als „heimisch“. Eine grundlegende Kritik an einer statischen Erfassung „heimischer Botanik“ findet sich in zahlreichen Publikationen des Pflanzenökologen Hansjörg Küster (Institut für Geobotanik der Leibniz Universität Hannover), die u.a. in der Reihe „Wissen C.H.Beck“ gut zugänglich sind <Der Wald – Natur und Geschichte 2019 und Die Alpen – Geschichte einer Landschaft 2020 und grundlegend Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa 2010, 6.Aufl.>.

Die Verwendung des Begriffes „heimisch“ hat jedoch Bedeutung im Hinblick auf „invasive Pflanzen, die die jeweils vorhandene Pflanzengesellschaft verdrängen“ und auf fremde im Hinblick auf die vorhandene Fauna absolut sterile Pflanzen, die als besonders pflegeleichte, meist dauergrüne Pflanzen, die vom Pflanzenhandel importiert werden, Eingang in unsere Landschaft und Gärten finden.

Da die natürliche Verbreitung von Pflanzen(gesellschaften) klimatisch bestimmt ist, bedeutet Klimaänderung auch eine Veränderung des lokalen (heimischen) natürlichen Biotops. Eine exogene, nicht klimaabhängige Variable sind vor allem pathogene Organismen <aktuell z.B. im Alten Land die Kirschessigfliege>, die eine Begleiterscheinung des umfangreichen globalen Handels sind.

Im Hinblick auf die Ziele des Naturschutzes, Bewahrung und Stärkung der historisch gewachsenen „heimischen“ Biodiversität ist es notwendig, empirische Kriterien zur Prüfung von Änderungen, wie zum Beispiel den Einsatz von Castanea sativa als Klimabaum im Hinblick auf die vorhandene lokale Biodiversität zu entwickeln. Entomologen, Dendrologen, Ornithologen und Wildtierspezialisten wären im Hinblick das klimabedingte Auftreten oder Einbringen von neuen Pflanzen zu befragen. Nicht zuletzt angesichts der sich ereignenden Klimaänderung ist das unbedingte Festhalten an einem Katalog „beobachteter heimischer Pflanzen“ ein strategischer Fehler gut gemeinten Naturschutzes, der vorhandene wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert. Dies gilt in besonderem Maße für städtische Räume, die schon heute als weitgehend versiegelte Wärmeinseln <hierzu: Naturkapital Deutschland – TEEB DE, Ökosystemleistungen in der Stadt, Berlin, Leipzig 2016> die zu erwartende Klimaänderung vorwegnehmen.

Anmerkungen zu Castanea sativa

In weit verbreiteten Büchern über Bäume wird die Edelkastanie oft dem „Weinbauklima“ zugeordnet. Diese Zuordnung habe ich selbst bei einem Workshop des NABU zum Thema Streuobst in der Stadt im Winter 2015 vertreten. Nur drei Tage später hat mir ein älterer Herr aus Volksdorf berichtet, dass sein Esskastanienbaum im Garten in diesem Jahr besonders reich getragen habe. An sehr unterschiedlichen Orten in Hamburg habe ich in der Folge viele Esskastanien entdeckt, darunter etwa einhundertjährige Exemplare. Im Friedhof Ohlsdorf hat man die Jahresringe altersschwacher Esskastanien gezählt, die gefällt werden mussten. Es steht daher zu vermuten, dass der Gründungsdirektor Cordes dieses Friedhofes bereits Castanea sativa gepflanzt haben muss.

Tatsächlich findet man heute größere Esskastanienbestände vor allem in der Pfalz und dem Oberrheingebiet, also in Weinbaugebieten.

Diese Zuordnung zum Weinbauklima ist jedoch nicht klimatisch bedingt, sondern rührt von der historischen Symbiose von Weinbau und dem Anbau von Castanea sativa im Kurzumtrieb als Quelle für witterungsbeständige Stecken zum Aufbinden der Weinstöcke und als Nutzholz (im Vergleich zur Eiche in der Hälfte der Zeit) zur Fertigung von Fässern, aber auch als Bauholz in eichengleicher Qualität. Heute wird der Kurzumtrieb u.a. für die Fertigung von Staketenzäunen betrieben und Stammholz zur Herstellung von Lawinenschutz verwendet. Weiteres Vorkommen z.B. in höheren Lagen in den Alpen stammt durch natürliche lokale Verjüngung aus der Zeit vor effizientem Getreideanbau (Kunstdünger) im 19. Jahrhundert als Esskastanien ein wichtiges kalorienhaltiges Grundnahrungsmittel in der Schweiz und Frankreich waren. Insgesamt gilt, dass das Vorkommen von Castanea sativa in Europa immer anthropogenen Ursprungs ist. Bestände dieser Baumart befinden sich in England in den Parks des Adels und im Kurzumtrieb ab Mitte 19. Jahrhunderts für die Gerüste des Hopfenanbaus, der mit der Umstellung von Cider auf Bier als vorherrschendes Getränk benötigt wurde. Allgemein gilt: Diese Baumart hat sich zu keinem Zeitpunkt in Europa waldbildend ausgebreitet.

Mein Vorhaben, Spuren des mittelalterlichen Weinbaus im Herzogtum Lüneburg, der gut dokumentiert ist (Fritz Pape, Der Weinbau im ehemaligen Fürstentum Lüneburg, Celler Beiträge zur Landes- und Kulturgeschichte, Heft 17/1989.), nach Resten des Anbaus von den benötigten Stecken (Castanea sativa im Kurzumtrieb) zu forschen, ist vor zwei Jahren leider Corona zum Opfer gefallen.

Von großer Bedeutung für Norddeutschland im Hinblick auf die Eignung zur Pflanzung von Castanea sativa ist eine Untersuchung der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft zur Anbaueignung der Edelkastanie in Deutschland. Diese Studie habe ich zusammengefasst und die dort ermittelte Deutschlandkarte der klimatischen Eignung auf meine Internetseite gestellt < http://www.peterlock.de/beitrge-zur-edelkastanie-lwf-wissen-fulltext >. Der Unterelberaum und Hamburg sind dort als klimatisch bestens zum Anbau verzeichnet.

Bedeutung dieser Baumart für Insekten und die Fauna insgesamt

Als Kind habe ich an der Bergstraße gelebt und im Herbst Esskastanien vor allem in den herrschaftlichen Parks gesammelt. Aber auf Insekten habe ich außer den Maikäfern nicht geachtet und habe für dieses Problem Fachleute und Fachliteratur ausdrücklich befragt. Umfassende Information habe ich von Ernst Segatz, insbesondere zur Frage der Insekten auf ausdrückliche Nachfrage erhalten, der als Entomologe federführend an der „Oberrheinstudie zu Edelkastanien“ beteiligt war. <Segatz, Ernst, Hrsg., Die Edelkastanie am Oberrhein – Aspekte ihrer Ökologie, Nutzung und Gefährdung, Ergebnisse aus dem EU Interreg IV A Oberrhein Projekt in: Mitteilungen aus der Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft Rheinland-Pfalz Nr.74/75>. Er konnte einen sehr vielfältigen Insektenbesatz ermitteln. Von besonderem Wert für die Imker sind die Esskastanien in der Pfalz, weil sie spät blühend über einen langen Zeitraum nach allen Frühjahrsblühern eine hervorragende Bienenweide bieten, zu der viele Imker aus dem Ruhrgebiet ihre Bienen bringen. Esskastanienhonig gilt als Delikatesse und erzielt hohe Preise.

Im Hinblick auf die mit Castanea sativa verknüpfte Fauna finden sich in der Literatur viele Beschreibungen von kleinen Säugetieren, für die Höhlen in diesen Bäumen, die vor allem von Spechten geschaffen werden, den Lebensraum bilden. Frau Fuhrmann, Baumkontrolleurin auf dem Friedhof Ohlsdorf, hat mir mehrere Castanea sativa unterschiedlichen Alters mit vielen solcher Höhlen gezeigt. Spechte, die Erbauer und Erstnutzer dieser Höhlen, habe ich dort beobachten können.

Sortenwahl, vor allem gutes Fruchten

Die natürliche Verbreitung durch Samen, die von Eichelhähern und kleinen Nagetieren in der nahen Umgebung ausgebracht werden, hat in der Regel nicht die gleiche Qualität, wie der Samen. Daher gilt auch für Castania sativa die im Obstbau übliche Vermehrung durch Veredelung. Neu hinzugekommen ist die Ausbreitung des Kastanienrindenkrebses, der sich unaufhaltsam vom Süden Europas ausgehend verbreitet. Ein wirksames Mittel gegen diesen Erreger scheint es nicht zu geben. Daher wird empfohlen nur mit den asiatischen Varianten (Castanea crenata und Castanea mollissima) eingekreuzte Veredelungen zu pflanzen. Mit zwei Baumschulern, Peter Klock in Hamburg www.walnuss24.de und Hendrik Gaede in Witzenhausen www.Baumschule-Wurzelwerk.de habe ich über dieses Problem gesprochen, sie bieten eingekreuzte Veredelungen an, deren Qualität jeweils beschrieben ist.

Daher sind die häufigen Berichte, dass Castanea sativa im Norden nicht gut fruchten und nur kleine oder taube Kastanien produzieren würde, sehr wahrscheinlich der Tatsache geschuldet, dass es sich um Sämlinge handelt, deren Kastanien nicht den Qualitäten selektierter Sorten entsprechen, die veredelt angeboten werden. (Die Bestäubung erfolgt überwiegend durch Wind, auch über große Entfernungen.) 

Eignung als Straßenbäume

Die Liste der Straßenbäume der GALK (Deutsche Gartenamtsleiter Konferenz) umfasst Baumarten, die über einen längeren Zeitraum an sehr verschiedenen Orten auf ihre Eignung geprüft werden. Aus Gesprächen weiß ich, dass Hamburg sich darum bemüht, Castanea sativa ebenfalls auf diese Prüfliste zu bringen. Von zwei Bezirken in Hamburg habe ich Kenntnis, dass sie vor drei Jahren damit begonnen haben, Castanea sativa als Straßenbegleitbäume zu testen. Obwohl eine Presseauskunft von BUKEA es anders dargestellt hat, ist diese Baumart zumindest an Standorten der sterbenden Rosskastanien besser geeignet. Der Baum bildet eine Pfahlwurzel und kann längere Trockenperioden gut überstehen. Er hat ein schlankeres Profil als die Rosskastanie und kann ohne Schaden stark beschnitten und aufgeastet werden. Der beanstandete Früchtefall und die dadurch möglicherweise verursachten Schäden an Kraftfahrzeugen sind Ausdruck eines autogerechten städtebaulichen Imperativs, der zu einer für das Auto versiegelten Stadt führt. Das Sammeln von Früchten von Gehölzen auf öffentlichen Flächen ist vorgeblich verboten. Alles Argumente, die bereits durch höherinstanzliche Urteile in Zivilverfahren als nicht mehr zeitgemäß verworfen wurden. <Abweisung von Schadenersatz von Lackschäden durch herabgefallene Walnüsse durch das OLG Frankfurt>. Eine „enkeltaugliche städtische Lebenswelt“ schließt die Gestaltung unserer Stadt unter dem Primat des Automobils aus, der in Teilen nach wie vor bürokratisches Handeln in großen Teilen bestimmt. 

Hinweise auf hilfreiche Literatur

Die gut zugängliche Studie der Arbeitsgemeinschaft Zukunft Edelkastanie in Österreich bietet eine umfassende Einführung:

Ecker, Clement, Rühmer, Schantl, Die Edelkastanie – Waldbaum und Obstgehölz, Sorten, Anbau, Pflege, Verarbeitung, 2. überarb. Auflage 2018, verfügbar beim Online-Shop des Pomologen-Vereins

Umfangreiche weiterführende Literatur habe ich auf meiner Internetseite (Stand 2020) aufgelistet.
http://www.peterlock.de/literatur-zur-castanea-sativa