Als fachfremder, aber engagierter Amateurpomologe, den es nach Norddeutschland verschlagen hatte, habe ich ab 2011 begonnen, zunächst ohne Echo, nach geeigneten Orten für die Pflanzung Obst in unserer urban und agrarindustriell geprägten Lebenswelt zu suchen. Denn mir war klar geworden, dass die von Süddeutschland ausgehende Erhaltung und Wiederbelebung von Streuobstwiesen mit Hochstämmen in Norddeutschland aufgrund anderer Agrarstrukturen nur in wenigen Fällen anwendbar war. Die vielerorts praktizierte Schaffung von Streuobstwiesen, vor allem im Rahmen von Ausgleichsmaßnahmen, hat zumeist mangels ehrenamtlicher Pflegekapazitäten zu stark vernachlässigten Flächen geführt. Meine Beschäftigung mit der Geschichte des Obstanbaus belegte, dass es viele Obstarten und Wuchsformen gibt, die nicht typisch für die propagierten Streuobstwiesen sind. Joachim Reinig hat dieser Thematik „Obst in unserer Lebenswelt jenseits von Streuobstwiesen“ mit der Broschüre UrbanPom zu einer breiten Wahrnehmung verholfen, die es aber langfristig durch praktische Umsetzung sichtbarer zu machen und auszubauen gilt. Die Suche nach Obstsorten jenseits von Apfel, Birne, Kirsche und Pflaume für urbane Räume hat mich zu Minikiwis, diversen Beeren, Säulenobst, Spalierobst und Hartschalenobst geführt. Seit drei Jahren beschäftige ich mich mit Hartschalenobst und der Frage, weshalb es im Erwerbsanbau in Deutschland kaum eine Rolle spielt und auch als Parkpflanzung oder zum Eigenbedarf in Norddeutschland selten zu finden ist. In diesem Jahr war Hartschalenobst Schwerpunktthema im Jahresheft des Pomologen-Vereins. Die Silvius Wodarz Stiftung hat im Oktober 2017 Castanea sativa als Baum des Jahres 2018 im Berliner Zoo gepflanzt. Meinen aktuellen Kenntnisstand zu Hartschalenobst werde ich hier skizzieren.
Die Erwartung auf einen naturfreien bzw. störungsfreien öffentlichen Raum wird nicht selten als Rechtsanspruch ausgefochten. Das Amtsgericht Frankfurt hat im Falle eines Schadenersatzanspruches wegen Lackschaden verursacht durch herabfallende Nüsse klar entschieden, dass „Bäume Nüsse werfen dürfen“ (SZ 27/28.01.2018 S.10). Wichtig in der Urteilsbegründung: „Um eine Gefährdung durch herabfallende Früchte gänzlich auszuschließen, bliebe in der Konsequenz nur die Möglichkeit, entsprechende Früchte tragende Bäume ganz zurück zu scheiden oder mit Fangnetzen zu umhüllen. Derartige Maßnahmen sind jedoch alleine vom finanziellen Aufwand her unzumutbar. Hinzu kommt der Aspekt, dass eine solche Maßnahme schon aus ökologischen Gründen nicht wünschenswert ist, da damit in vielen innerstädtischen Bereichen eine Begrünung mit Früchte tragenden Bäumen wie zum Beispiel auch Eichen, Kastanien oder Walnüssen nahezu ausgeschlossen wäre.“ (Amtsgericht Frankfurt am Main, AZ:32 C 365/17(72) vom 10.11.2017).
Die für das Stadtgrün zuständigen Gartenbauämter tendieren dazu, möglichen Beschwerden wegen vermeintlichen Beeinträchtigungen durch Stadtgrün „vorbeugend“ auszuweichen. Wegen möglicher Haftung hat die Wegesicherung um jeden „ökologischen Preis“ Vorrang bei den Pflegemaßnahmen. Entsprechend wurden in Hamburg bei Nachpflanzungen von Straßenbegleitbäumen Juglans regia gegen den Protest der Anwohner Juglans nigra gewählt, weil deren Wuchsform „verkehrsgerechter“ ist und weniger Aufastung erfordert. Alle Kritik derzeitiger städtischer Maßnahmen beim Stadtgrün muss zwar berücksichtigen, dass die Mittel- und Personalausstattung in diesem Bereich völlig unzureichend ist. Starkes Engagement und Einmischung der Bürger ist erforderlich, um dies zu ändern.
In zahlreichen Handbüchern zu einheimischen Bäumen (vor allem Ulrich Hecker) wird festgestellt, dass Esskastanien auf Weinbauklima angewiesen sind und auch Walnüsse stark Spätfrost gefährdet sind. Bei zahlreichen Esskastanien in den nördlichen Bereichen Hamburgs wird jedoch übereinstimmend berichtet, dass sie bestens gedeihen und regelmäßig fruchten. Ähnliches scheint für die vereinzelten Walnussbäume im Norddeutschen Raum und sogar für Straßenbegleitbäume Juglans regia in der Nähe von Schwerin zuzutreffen.
Das Buch von Ewald Könemann „Nussbau in allen Lagen“ aus dem Jahre 1943, das wenig verändert 1958 wieder aufgelegt wurde, dokumentiert Esskastanien in Ostpreußen und dem Baltikum und plädiert für den Anbau geeigneter Walnusssorten überall in Deutschland. Tatsache ist, dass heute Esskastanienbestände in Deutschland vorwiegend in der Pfalz, also im Weinbauklima anzutreffen sind und erwerbswirtschaftlicher Anbau von Walnüssen ebenfalls bislang vereinzelt nur in Süddeutschland dokumentiert ist.
Im Falle der Esskastanie lautet meine Hypothese für das heutige Vorkommen, dass es weniger den klimatischen Verhältnissen geschuldet ist als vielmehr dem Bedarf von Castanea sativa für Weinbau bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Das Holz wurde zur Fertigung von Weinfässern benötigt und im Niederwaldbetrieb für Stecken und Fassreifen. Diese Stecken widerstehen der Feuchtigkeit im Boden mindestens so lange wie Eichenholz und sind in Form von absolut behandlungs- und wartungsfreien Lattenzäunen wieder entdeckt worden. (Um dies möglicherweise endgültig zu bestätigen, fahnde ich derzeit nach Restvorkommen aus natürlicher Verjüngung an den Orten historischen Weinbaus im Fürstentum Lüneburg.). Erst die Kartoffel hat das Esskastanienmehl als wichtigen Anteil der Grundnahrung armer Landbevölkerung verdrängt. Bis in Gebirgslagen in der Schweiz waren die Esskastanien Grundnahrungsmittel und wurden auch dort angebaut.
Angesichts der Befürchtung, dass der gesamte Bestand der weißblütigen Rosskastanien (Aesculus hippocastanum) in Hamburg durch Miniermotten in Verbindung mit einem Pilz verschwinden wird, müssen ästhetisch gleichwertige Ersatzpflanzungen gefunden werden. Vieles spricht dafür, dass Castanea sativa einen ästhetisch gleichwertigen Ersatz im Stadtbild liefern würde, der zugleich ein attraktiver Beitrag zur Entwicklung der „essbaren Stadt“ wäre. Um das notwendige Pflanzgut rechtzeitig zur Verfügung zu haben, müsste zeitnah mit dem Aufziehen geeigneter Sortimente von Castanea sativa begonnen werden. Wichtig für zahlreiche Standorte in Norddeutschland sind die folgenden Eigenschaften dieser Baumart: Eine weitere Auswirkung von Castanea sativa auf den Boden beruht nach Bouffier (2001) auf ihrem ausgeprägten Wurzelsystem. Die Wurzeln schützen den Boden vor Erosion, weshalb die Baumart auch als Bodenschutzgehölz gilt. Das Wurzelsystem bewirkt außerdem eine hohe Sturmfestigkeit der Edelkastanie (Bouffier 2001). Durch diese Eigenschaft eignet sich Castanea sativa als Sturmschutz für den Aufbau von Waldmänteln (Anonymus 1985). (http://www.uni-goettingen.de/de/Ökologie/546352.html). Aufgrund der natürlichen Wuchsform ist der Pflege- und Schnittbedarf gering. Die höheren Temperaturen in städtischen Bereichen sind dieser Baumart im Gegensatz zu vielen anderen Baumarten förderlich.
Dass man heute in Norddeutschland vergleichsweise wenige Walnussbäume und keinen Erwerbsanbau gibt, ist sehr wahrscheinlich weniger auf klimatische Faktoren zurückzuführen. Denn die beiden Weltkriege haben eine riesige Nachfrage nach Nussbaumholz bedingt, was sich mit Sicherheit in einem enormen Anstieg der Erlöse für Nussbaumholz niedergeschlagen haben dürfte. (Meine Fahndung nach Zeitreihen für Preise von Nussbaumholz war bislang noch nicht erfolgreich.) Aufgrund seiner besonderen Eigenschaften war Nussbaumholz alternativlos für die Fertigung von Gewehrschäften. Soweit Ersatzpflanzungen durchgeführt wurden, wurden meist Sämlinge verwendet, die zahlreich kostenlos verfügbar waren (Eichhörnchen), die aber erst nach 15 Jahren zu fruchten beginnen und ihre tatsächliche Qualität, häufig wenig attraktive Sorten, offenbaren. Daher rührt ein verbreitet schlechter Ruf vieler vorhandener Walnussbäume.
Nur veredelte Bäume garantieren frühes Fruchten und sichere Fruchtqualität. Die Obstforschung bei Walnüssen wurde in Deutschland in den fünfziger Jahren weitgehend aufgegeben. Die vor allem in Frankreich und der Schweiz entwickelten Techniken der Veredelung, die grundsätzlich sehr viel schwieriger ist, als bei Kern- und Steinobst, wird erst in den späten fünfziger Jahren in der deutschen Fachliteratur kommuniziert. Somit ist das Angebot von veredelten Sorten eine Voraussetzung für erfolgreichen Erwerbsanbau und Freude an Walnussbäumen zur Eigenversorgung. Zwei auf Hartschalenobst spezialisierte Baumschulen mit auf Norddeutschland ausgerichteten Sortimenten veredelter Sorten habe ich bislang gefunden. Sie sind beide mit Artikeln im aktuellen Jahresheft des Pomologen-Vereins vertreten.
Das 2017 erschienene Buch von Vivian Böllersen „Revival der Walnuss – Neues und altes Wissen zum Walnussanbau in Deutschland“ liefert einen breiten handbuchartigen Überblick und bietet viele Anregungen, die das Zeug zu einer Umsetzung des Anspruchs im Titel des Buches haben. Folgende Informationen können helfen, den unberechtigt vergleichsweise schlechten Ruf von Walnussbäumen in Norddeutschland zu überwinden.
1. Anspruch an Bodenqualität ist gering.
2. Wurzelbildung geht weit über den Kronenumfang hinaus, hat aber auch eine in die Tiefe gehende Verankerung, daher sturmfest.
3. Nur sehr geringe Schnitt- und sonstige Pflegemaßnahmen erforderlich.
4. Breites Sortiment, auch für Norddeutschland, verfügbar, das ab dem fünften Jahr Erträge liefert.
5. Geringer Schädlingsbefall, in der Regel kein chemischer Pflanzenschutz
6. Windbestäubung, daher unbeeinflusst vom prognostizierten Insektensterben.
7. Der bescheidene Arbeitsbedarf für Walnussplantagen in Großbetrieben fällt zeitlich komplementär zum Feldfruchtanbau an.
8. Hohe Erlöse für das Holz nach Nutzungsperiode ist ein wichtiger Faktor für erwerbswirtschaftliche Plantagen.
9. Große Attraktivität der Walnuss als gesundes Nahrungsmittel erlaubt direkte regionale Vermarktung und gegebenenfalls Verarbeitung zu Öl und Likör.
10. Für Streuobstwiesen mit Kern- und Steinobst eine bislang häufig vernachlässigte Bereicherung.
11. Sie ist ein attraktiver Teil der zu schaffenden enkeltauglichen essbaren Stadt“.
12. Kinder sammeln mindestens ebenso gerne Walnüsse (aber mit Handschuhen wegen Färbung) und Esskastanien, wie Rosskastanien.
Kritische Punkte: sichere Versorgung mit Feuchtigkeit in den ersten Jahren, eine gewisse Einschränkung der Vielfalt des Unterwuchses wegen des Juglon in den Blättern.
„Stadtflucht“ darf nicht länger Voraussetzung für Kontakt mit Natur sein. Die Entwicklung von StadtNatur im Rahmen nachhaltiger urbaner Transformation erfordert tiefgreifende strukturelle Veränderungen. Obst in der Stadt ist ein Baustein der notwendigen Transformation der Städte. Wir müssen heute unsere Stadt so gestalten, dass sie „enkeltauglich“ wird. Daher müssen wir beginnen, die Pflanzung von Hartschalenobst an vielen geeigneten Stellen in der Stadt einzufordern und gegebenenfalls entbehrlich versiegelte Flächen zu neuem Leben (durch den Metabolismus der Bäume) bringen.
Böllersen, Vivian, Revival der Walnuss, Neues und altes Wissen zum Walnussanbau in Deutschland, Kevelaer (organischer Anbau Verlag), 2017.
Grosser, Dietger; Hauke Jeske, Das Holz der Walnuss – Eigenschaften und Verwendung, in: LWF Wissen 60, Beiträge zur Walnuss, 2008 S.44-50
Könemann, Ewald, Nussbau in allen Lagen, Berlin 1943.
Naturkapital Deutschland – TEEB, Ökosystemleistungen in der Stadt Gesundheit schützen und Lebensqualität erhöhen, Berlin, Leipzig 2016.
Pape, Fritz, Der Weinbau im ehemaligen Fürstentum Lüneburg, Celler Beiträge zur Landes- und Kulturgeschichte Heft 17, 1989.
Paulsen, Klaus-Jürgen; Malte Reichert; Walter Denker, Alte Apfelsorten im Norden, Heide (Boysen) 2017
Pomologen-Verein Jahresheft 2017 Themenschwerpunkt: Nussbau in allen Lagen (einschließlich veredelte Esskastanien):
Schaarschmidt, Horst, Die Walnussgewächse, Juglandaceae, Magdeburg 2014 3 Auflage 1999.
Scharff, Martin, Kammertbau – Zur Geschichte einer Reberziehung unter besonderer Berücksichtigung der Pfalz, https://www.regionalgeschichte.net/fileadmin/Superportal/
Bibliothek/Autoren/Scharff/Scharff.pdf
WGBU, Der Umzug der Menschheit: Die transformative Kraft der Städte, Zusammenfassung. Berlin 2016, ISBN978-3-936191-71-4.
Webseiten
http://www.uni-goettingen.de/de/castanea+sativa+/+edelkastanie/546312.html
http://baum-des-jahres.de/index.php?id=829
http://www.peterlock.de
http://www.hamburg.de/strassenbaeume-online-karte/
www.walnuss24.de
www.walnussmeisterei.de
https://www.lwg.bayern.de/gartenbau/obstbau/180763/index.php
https://www.service-bw.de/organisationseinheit/-/sbw-oe/Staatliche+Lehr+und+Versuchsanstalt+fuer+Wein+und+Obstbau+Weinsberg+LVWO-6008734-organisationseinheit-0