Der Dachverband der französischen Pomologen wurde 1978 in Belfort, dem heutigen Sitz im Dreiländergrenzgebiet Frankreich, Schweiz und Deutschland, gegründet. Die Namensgebung ist Ausdruck bürgerlichen Engagements für Obst jenseits der agrarindustriellen Produktion von Obst. Eine Übersetzung von „croqueurs des pommes“ meint Leute, die freudig kraftvoll in Äpfel beißen oder „Apfelknacker“. Dieser Dachverband vereint inzwischen 8000 Mitglieder in 63 Vereinigungen verteilt über das gesamte Territorium Frankreichs. Diese föderale Struktur im ansonsten zentralstaatlich verfassten Frankreich ist im Internet mit etwa 20 eigenständigen Interseiten vertreten, die am Ende des Almanachs zusätzlich zu den 63 regionalen Gruppen verzeichnet sind. Seit 2006 erscheint dieses Jahrbuch. Außerdem werden ein vierteljährliches Bulletin, kleine Monographien zu den verschiedenen Obstsorten und technische Broschüren zu Baumschnitt, Pfropfen, Schädlingen u.a.m. publiziert. Zu verschiedenen Zeitpunkten hat es kontroverse Diskussionen zum Selbstverständnis der Vereinigung gegeben. Man hat sich untypisch für Frankreich für Pluralität und dezentrale Eigenständigkeit der regionalen Gruppen entschieden.
Im Jahre 2012 hat die Vereinigung in einer Charta ihre Zielsetzungen präzisiert, die in weiten Teilen den Zielsetzungen des Pomologen Vereins in Deutschland entsprechen, vor allem der Wahrung genetischer Vielfalt. In der Präambel(S.189) heißt es: „<Les Croqueurs des pommes®>, dem Ziel des Schutzes der Natur verpflichtet, versammeln Frauen und Männer, die sich bemühen, das Verschwinden alter lokaler Obstsorten zu stoppen und ein wertvolles und unwiederbringliches Erbe zu retten.“
Gemeinsamer Nenner der vielen über das gesamte Territorium Frankreichs verstreuten „Apfelknacker-Gruppen“ ist das „Auffinden, die Bewahrung und der Wiederanbau alter, lokaler Obstsorten und historischer Anbauformen.“ Sie sehen es als ihre Aufgabe, „durch ihre Studien ein Zentrum ethno-botanischen Wissens auf dem Felde der Pomologie zu schaffen, sowie der Geschichte der Verwendung, des Brauchtums von Obst und des damit verbundenen Wissens über den Anbau; diese Studien bedeuten auch, den vergessenen Geschmack, die Aromen und die Gerüche wieder zu entdecken.“
Die Römer haben die Kultur von Obst nach Europa gebracht und einige Obstsorten aus Asien kommend eingeführt. In allen Teilen Europas, die sie erobert hatten, also auch in weiten Teilen des heutigen französischen Territoriums haben sie Wein und Obst angebaut. Das Erbe römischer Obstkulturen war in einigen Klöstern bewahrt worden. In der Renaissance wurde es in den Lust- und Ziergärten der Aristokratie vor allem in Oberitalien eingeschlossen in Mauern wieder gepflegt. Aber erst die unter Ludwig, dem XIV. geschaffenen Obstgärten machten prächtiges Obst zum begehrten „Tafelobst“, das kunstvoll serviert Teil der fürstlichen Küchen wurde.
Dieses Erbe in Frankreich zu bewahren, ist von europäischer Bedeutung, denn im absolutistischen Zeitalter wurde die hochentwickelte Garten- und Obstkultur Frankreichs zum Vorbild für ganz Europa. André Le Nôtre war der Gärtner des Sonnenkönigs im 17. Jahrhundert, als Deutschland und weite Teile Europas durch den dreißigjährigen Krieg verwüstet waren und schuf die Parkanlagen von Versailles und vielen weiteren Schlössern in Frankreich und Italien. Obst- und Gemüseanbau war ein heute oft übersehener wichtiger Teil dieser Parkanlagen. „Dieser berühmte Obstgarten, der unter Ludwig XIV. angelegt wurde, stellt die größte Sammlung von Obstgehölzformen der Welt dar“, heißt es in einem aktuellen pomologischen Standardwerk.
Die riesige Baumschule des Kartäuserklosters in Paris entwickelte sich zum Lieferanten herrschaftlicher Gärten in ganz Europa. Johann Prokop Mayer (1735-1804), Hofgärtner des Fürstbischofs von Würzburg und Autor des pomologisch und botanisch bedeutenden dreibändigen Werkes „Pomona Franconica“ steht für die nachholende Entwicklung französischer Obstkultur in fürstlichen Gärten in Deutschlands. Die Obrigkeiten hielten sodann ihre Untertanen an, ebenfalls Obst und vor allem Äpfel anzubauen. Es bedurfte aber der Anleitung, den bäuerlichen Obstanbau zum Erfolg zu verhelfen. Diese Aufgabe haben in vielen Regionen häufig Pfarrer und Ärzte, übernommen, die so zu Pionieren der Pomologie in Deutschland wurden. Die Namen Christ und Diehl stehen für diese Entwicklung, die von intensivem europäischem Austausch mit Frankreich, Holland und England geprägt war, wo die Obstkulturen bereits deutlich weiter entwickelt waren.
Bereits 1990, ein Jahr vor der Wiedergründung des Pomologenvereins in Deutschland, haben die „Croqueurs de pommes“ ein europäisches Treffen der gleichgesinnter Pomologen, eine „Europomme“ in Troyes Savigny-le-Temple (Melun-Sénart) ausgerichtet. Sie werden am gleichen Ort im Herbst 2018 ihr vierzigjähriges Jubiläum wieder mit einer „Europomme“ begehen.
Der Almanach zu diesem Jubiläum folgt nach Monaten gegliedert dem Jahresablauf der Obstkulturen. Weil die römische Zeit den Beginn von Obstkultur im heutigen Frankreich markiert, ist zu jedem Monat eine römische Quelle wiedergegeben, die umfangreich den jeweiligen Stand der Gestirne im Hinblick auf das Wetter diskutiert und daraus die saisonal anfallenden Arbeiten im Obst- und Weinbau vorgibt, die anschaulich benannt werden. Passend zum Baum des Jahres 2018 in Deutschland berichtet M.Gauthier ausführlich über seine Arbeiten und Beobachtungen der Natur auf seiner großen Wiese mit sehr vielen Edelkastanien verschiedenster Sorten, im Verlaufe des Jahres ergibt sich eine empirisch fundierte Einführung in die Kultur und Biologie der Castanea sativa. Ein zweiter Schwerpunkt ebenfalls übers Jahr verteilt ist die Imkerei und die gravierenden Probleme der Honigbienen im agrarindustriell geprägten Frankreich aus der Perspektive eines erfahrenen Praktikers.
Monatlich werden bestimmte Obstsorten porträtiert: Birnen, Haselnüsse. Kulturblaubeeren, Himbeeren, Johannisbeeren, Walnüsse, Kirschen, Pflaumen, Oliven, Brombeeren, schwarze Holunderbeeren und Kakifrüchte. Außerdem werden regionale Apfel- und Birnensorten vorgestellt. Fortlaufend werden die verschiedensten, häufig regionaltypischen Rezepte für die beschriebenen Obstsorten zur Nachahmung präsentiert. Die Verwertung von Holunderbeeren ist in Frankreich noch weitgehend unbekannt, aber die LeserInnen werden ermuntert, die zahlreichen Rezepte aus dem deutschsprachigen Europa zu testen.
Immer wieder eingestreut sind Beobachtungen und Porträts der vielfältigen Fauna (Vögel, Amphibien, Wild und Insekten) in den Obstkulturen der Mitglieder. Kommentare der Herausgeber zu allgemeinen Umweltproblemen und der Klimaveränderung im Hinblick auf die Auswirkungen auf die einheimischen Obstkulturen machen den Almanach zu einem ertragreichen, schöne gestaltetem Informationspaket, das für erfahrene Mitglieder und LeserInnen, die sich erstmals für pomologische Fragen interessieren, eine lohnende verständliche Vielfalt bietet.
Am Ende wird, wahrscheinlich auch für viele französische LeserInnen neu, der säkulare Dezimalkalender vorgestellt, der in den Jahren nach der französischen Revolution eingeführt worden war, der aber nach nur fünfzehn Jahren wieder durch den gregorianischen Kalender ersetzt wurde. Im damals noch vollständig agrarisch geprägten Land waren zahlreiche Tagesnamen der Obstkultur entlehnt.
Mai 2018 Peter Lock