Zwei neuere Publikationen möchte ich als mögliche (Weihnachts-) Geschenke für Obst- und Apfelliebhaber*innen kurz vorstellen.
Eine Skizze zur Geschichte des Obstanbaus bis zur aktuellen Renaissance der Streuobstwiesen verortet die ausgewählten Abbildungen zu den über fünfzig beschriebenen alten Obstsorten aus französischen und deutschen Sortenbüchern des neunzehnten Jahrhunderts in der Geschichte des Obstanbaus. Sie bilden eine Galerie feinster Zeichnungen, die jeweils von einem kurzen Essay zur Sozialgeschichte der jeweiligen Obstsorte literarisch begleitet werden. Stichworte zu Synonymen, Beschreibung, Herkunft, Frucht, Aroma, Reife und Baum ergänzen die Präsentation. Im Anschluss an jede Obstart werden jeweils weitere empfehlenswerte Sorten mit ihren jeweiligen Eigenschaften genannt. Auch seltenere, weniger bekannte Obstarten, einschließlich Wildobst werden porträtiert.
In einem kurzen Kapitel im Anhang stellt Dr. Katrin Böhme, die Leiterin der Abteilung historische Drucke der Staatsbibliothek zu Berlin, die zentralen Publikationen zum Obstanbau vor, die ausgehend von Frankreich schließlich die Pomologie in Deutschland begründet haben. Die Autorin konnte auf die wertvollen Bestände der Staatsbibliothek bei der Auswahl der Zeichnungen zurückgreifen.
Im Verzeichnis zu den jeweils verwendeten Quellen taucht u.a. Johann Prokop Mayer auf, der Ende des 18. Jahrhunderts das überlegene französische Wissen um Obstanbau nach Deutschland an den bischöflichen Hof in Würzburg und mit dem dreibändigen Sortenbuch „Pomona Franconica“ gebracht hat.
Wahrscheinlich hat die Autorin zurecht vermutet, dass Leser*innen nach der auch literarisch anregenden Lektüre den Wunsch haben, selbst Obst zu pflanzen. Sie beschreibt, wie man auch ohne eine Streuobstwiese anlegen zu können, durchaus in einem großen oder kleinen Garten, aber auch ohne Garten Obstanbau betreiben kann. Eine Wegweisung hilft, wie man entsprechend der jeweiligen räumlichen Gegebenheiten vorgehen sollte, was man zum Gelingen unbedingt beachten muss, schließlich Rezepte für die Verwertung der unterschiedlichen, teilweise weniger bekannten Obstarten. Im Abschnitt Tipps & Adressen findet man Vereine in Deutschland, Österreich und der Schweiz, Lehrpfade und Museen, Baumschulen, die alte Obstsorten anbieten, Mostereien und Brennereien, Datenbanken zu alten Obstsorten und schließlich Nachschlagewerke zu einzelnen Themen.
Dieses schön gestaltete Buch bietet eine gelungene Einführung und eignet sich aus meiner Sicht daher auch als Geschenk (mit wahrscheinlich „pomologisch-infektiöser“ Wirkung).
Abreißkalender für 2022 „An Apple a Day- Die 365 Allerschönsten Alten Apfelsorten“, Verlag Hermann Schmidt, 11x15 cm, verpackt in Holzkistchen <www.https://typografie.de/produkt/an-apple-a-day-2022/>
EAN 42 69017281 090 6, 24.80 €.
Dieser schön gestaltete Abreißkalender erscheint im vierten und wahrscheinlich letzten Jahr in dieser Form. „Vier Jahre lang haben wir für Sie Archive in aller Welt durchsucht und fast 1500 Illustrationen alter Apfelsorten entdeckt und in Kalenderform zusammengetragen“, schreiben die Verfasser. Die für 2022 ausgewählten farbigen Zeichnungen stammen aus Sortenbüchern und pomologischen Zeitschriften aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert aus Deutschland, Frankreich, England, Österreich, Schweiz und den Vereinigten Staaten. Übers Jahr lernt man die Vielfalt von Apfelsorten kennen, stellt fest, dass sie keine nationalen Grenzen kennen. Eindeutig in England oder Frankreich gefundene Sorten finden sich zum Beispiel im Kompendium der wichtigsten deutschen Kernobstsorten oder im Deutschen Obstkabinett. Wahrscheinlich sind zahlreiche der abgebildeten Sorten inzwischen verschollen, da Sortenerhalt immer kontinuierliche vegetative Vermehrung voraussetzt. Aber wenn man den einen oder anderen Apfel besonders schön findet und diese Sorte pflanzen möchte, obwohl sich herausstellt, dass die Sorte offensichtlich verschollen ist, dann sollte man wichtige Verzeichnisse im Internet konsultieren und wahrscheinlich sehr eng „verwandte“ Sorten finden. www.obstsortendatenbank.de der BUND in Lemgo; www.arche-noah.at/sortenerhaltung/obst-und-obstsammlungen/sorten-beschreibungen; www.deutsche-genbank-obst.de mit Angaben zu Erhaltern.
Am 31.12.2022 nach 365 Apfelzeichnungen von Zufallssämlingen, die für geeignet befunden und vegetativ als Sorte vermehrt wurden und nicht selten internationale Verbreitung, manchmal mit unterschiedlichen Namen, gefunden haben, wird man die Faszination verstehen, die Pomologen antreibt, „alte Sorten“ angesichts des heute stark reduzierten Sortiments des kommerziellen Anbaus zu bewahren.
Oktober 2021 Peter Lock