Eine „enkeltaugliche“ Gestaltung unserer städtischen Lebenswelt muss heute unser Handeln bestimmen. Der Erstickungstod durch die Versiegelung der städtischen Räume zugunsten der faktisch in Staus gelähmten „Automobilität“ erfordert den Umbau der Städte zugunsten atmenden Stadtgrüns.
Um den Umbau unserer städtischen Lebenswelt vor allem mit Stadtbäumen zu fördern, müssen wir uns bewusst machen, dass Stadtbäume immer aus einem waldartigen Habitat an durch vielfältige anthropogene Störungen geprägte Böden verbracht werden. Die nicht sichtbare Lebenssphäre der Baumwurzeln wird in diesem Buch fachwissenschaftlich, aber sehr anschaulich mit vielen Fotos erklärt und beschrieben, mit welchen Störungen der Wurzelräume Bäume in der Stadt konfrontiert sind.
Hierzu werden Musterbögen zur Erfassung der jeweiligen Störungen präsentiert, die man auch von der Internetseite herunterladen kann. Wir können also alle Detektive zur Erfassung der Leiden und des meist frühzeitigen Absterbens der Stadtbäume werden, indem wir anhand der Darstellung des nicht sichtbaren Teils des Lebens von Stadtgrün in diesem Buch auf Mängel aufmerksam machen und notwendige Veränderungen einfordern. Ein Buch, das zum praktischen Handeln und politischem Engagement für eine „enkeltaugliche“ Zukunft unserer Städte anregt.
Vorbemerkung: Als engagierter Amateur, der keine fachliche Ausbildung hat, beschäftige ich mich mit der Frage, was wir tun können oder besser tun müssen, um zu einem lebenswerten Hamburg für unsere Enkel beizutragen. Dieses Buch hat mir das hochkomplexe Leben im Wurzelraum der Bäume in städtischen Bereichen anschaulich gemacht. Da wir Wurzeln nicht beobachten können, finden diese unterirdischen städtischen Lebensräume zu wenig Beachtung bei der Stadtplanung. Aber Bäume sind ein unverzichtbarer Faktor für die Gestaltung enkeltauglicher urbaner Lebenswelten, deshalb müssen wir den Wurzeln der Stadtbäume, die ursprünglich aus waldartigen Habitaten stammen, hinreichendes, belebtes und belüftetes Erdreich sichern. Das Praxishandbuch Wurzelraumansprache rückt die Wurzeln der Bäume in den Fokus.
Zusammenfassung: Die wichtigsten Bodeneigenschaften sind Bodenfeuchtigkeit, Bodenluft und Bodenwiderstand. Eine Gegenüberstellung der Merkmale von Böden an Naturstandorten und Stadtböden (S.13) beleuchtet das breite Problemspektrum, das dem gesunden Wachstum von Stadtbäumen entgegensteht. Dazu gehören u.a. zu geringes Bodenvolumen <weniger als Kronentraufe>, Schadverdichtung, ungeeignete Stoffe <Bauschutt u.a.m.>, pH-Wert eher basisch <Salz u.a.m.>, Versiegelung und Verdichtung <verminderte Wasserdurchlässigkeit, verminderte Durchlüftung>, Fehlen einer Bodenfauna, starke Aufheizung der Böden. Zentral für die Vitalität eines jeden Stadtbaumes ist eine Annäherung an die wesentlichen Bodeneigenschaften des Bodens am jeweiligen Naturstandort, denn Wurzeln folgen primär dem Weg des geringsten Widerstandes und wachsen bevorzugt in gut luft- und wasserversorgte Bereiche ein. Daher erfüllen Wurzeln ihre Funktion für den Baum abhängig von dem umgebenden <geeigneten oder weniger geeigneten> Boden. (S.18)
Zentral für die Vitalität der Stadtbäume ist die Bodenbelüftung, denn Wurzeln atmen. Nur wenn der im Wurzelraum stattfindende Austausch von Sauerstoff und Kohlendioxid gewährleistet ist, arbeiten die Feinwurzeln, die die Krone mit Wasser und darin gelösten Nährstoffen versorgen. Bodenverdichtung und Versiegelung führen zu einer verminderten Bodenbelüftung mit der Folge der Schwächung der Feinwurzeln und leiten einen devitalisierenden Kreislauf ein, der zum Absterben ganzer Kronenteile oder des Baumes selbst führen kann. (S.19)
Die ausreichende Versorgung mit Wasser ist zentral für das Leben jedes Baumes. Der Boden stellt einen schwammartigen Wasserspeicher dar, der durch Niederschläge immer wieder aufgefüllt werden kann. Wie groß der jeweilig verfügbare Wasserspeicher ist, hängt vom Wurzelraumvolumen, von der Bodenart und -dichte, dem Humusgehalt und dem Skelettanteil des Bodens ab. Grundwasser und kapillar in den weiten Grobporen und Mittelporen gegen die Schwerkraft gehaltenes Wasser versorgen Bäume mit Wasser. Eine Wassersättigung jedoch und lange Trockenheit bedeuten Stress bis zum Absterben für die meisten heimischen Arten.Pflanzen und Bakterien sind die einzigen Lebewesen, die durch Photosynthese ihre Nahrung und den Grundbaustein ihrer Strukturen, den Zucker, selbst herstellen können. (S.23) Die wichtigsten der zur „Ernährung“ benötigten Elemente sind Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, hinzu kommen Stickstoff, Phosphor, Kalium, Calcium, Magnesium, Schwefel und ein weiteres knappes Dutzend Spurenelemente. Ein wichtiger Prozess bei der Nährstoffversorgung ist die Mineralisierung von organischem Material, sowie der Eintrag von atmosphärischem Stickstoff. Die Humusbildung bei der Zersetzung von organischem Material ist wichtig für die Strukturbildung des Bodens und Speicherung von Nährstoffen. Daher gehört die ständige Entfernung von Laubstreu zu den „Todsünden“ bei der „Pflege“ von Stadtbäumen.
Zentral für die Vitalität der Wurzeln ist der pH-Wert (p = negativer dekadischer Logarithmus, H = Wasserstoff) des Bodens, bis sieben sauer, über sieben basisch, optimal sind pH-Werte zwischen etwa 5,5 und 6,5 sowie eine ausreichende Menge an pflanzenverfügbarem Wasser. Symbiotischer Austausch mit Mykorrhizapilzen im Boden hat einen wesentlichen Anteil bei der Nährstoffversorgung und trägt damit zur Vitalität der Bäume bei.
Häufige Störungen im Wurzelraum als Folge von Tiefbaumaßnahmen sind die Beschädigung von Wurzeln, Bodenauftrag sowie Bodenabtrag. Oft ist der zur Verfügung stehende Raum zu klein, der Boden versiegelt oder verdichtet, durch anthropogene Bodeneinträge entstehen extrem hohe pH-Werte, diverse Fremdstoffeinträge, darunter Streusalz, Baureststoffe, Hundeurin, Erdgas u.a.m. Wenn die Wurzeln nicht in der Lage, sich dem Baumwachstum entsprechend auszudehnen, ist der Baum gefährdet. Diese Störungen des Wurzelraumes schwächen den Baum und leiten einen Prozess des Absterbens ein, mit der Folge mangelnder Verkehrssicherheit und Begünstigung von Schäden an Gebäuden. Als Schätzparameter des benötigten Wurzelraumes ausgewachsener Großbäume gilt 1,5 m Durchwurzelungstiefe mal Kronenprojektionsfläche, somit 150-250 m3 durchwurzelbarer Boden. Es gibt diverse Hilfsmittel, die geeignet sind, Störungen des Wurzelraumes zu überwinden, u.a. Mykorrhizaimpfung, Druckluftlanzensanierung, Wurzelbrücken (gegen das Entstehen einer Verdichtung), Belüftungslöcher u.a.m.
Die Folgen von Bodenversiegelung im Kronenbereich sind am Beispiel der vor über dreißig Jahren in Kassel gepflanzten 7000 Eichen („Beuys Dokumenta“) in Kassel untersucht worden. Baumhöhe, Stammumfang und Vitalitätsstufe sind entsprechend dem Versiegelungsgrad gemindert. Auch zunächst durchlässige Versiegelungsmaterialien verlieren ihre Wasser- und Luftdurchlässigkeit im Laufe der Zeit. Versiegelung bedeutet Oberflächenabfluss von Niederschlägen, auch fehlende Vegetation verringert die Aufnahme von Wasser im Boden. Allerdings beeinträchtigt der Oberflächenabfluss in stark überbauten und versiegelten städtischen Bereichen den Grundwasserspiegel nicht wesentlich, weil auch die Verdunstungsleistung stark gemindert ist. Versiegelung bedeutet auch, dass der für die Wurzeln notwendige Sauerstoff nicht in den Boden gelangt und das bodenbürtige CO2 nicht entweichen kann und sich im Wurzelraum anreichert. In Randbereichen versiegelter Verkehrsflächen kann es zu starken Kontaminationen durch abfließendes Wasser kommen. Auf Flächen mit einem hohen Versiegelungsgrad vergreisen Bäume schneller, da ein devitalisierender Kreislauf eingeleitet wird. Mögliche Maßnahmen: (Teil-)Entsiegelung, Belüftungselemente einbauen, Wurzelkorridore schaffen.
Folgen von Bodenverdichtung sind eine nachlassende Feinwurzelbildung und damit Reduktion der Wasser- und Nährstoffversorgung und Störungen der Kronenstruktur. Ursache ist vor allem eine Reduzierung des Gasaustausches zwischen Bodenluft und Atmosphäre. Bereits eine einzige Überfahrt mit schweren Fahrzeugen, besonders bei feuchtem Boden, kann die Bodenstruktur für Jahrzehnte schädigen!
Die komplexen Prozesse, die durch eine Bodenschadverdichtung ausgelöst werden, sind in der Grafik auf der folgenden Seite schematisch erläutert. (S.46/47)
Folgende Maßnahmen zur Sanierung von Bodenschadverdichtungen werden empfohlen. Einsaat von intensiv und tiefwurzelnden Pflanzen; Regenwurmförderung oder -ansiedlung; Einbau von Belüftungslöchern; Sanierung mit Druckluftlanzen zur Lockerung; großflächiger oder grabenförmiger Bodenaustausch (unter wurzelschonender Handschachtung oder Saugbagger zum Wurzelerhalt).
Eine häufige Störung im Wurzelraum ist im städtischen Bereich der Wassermangel. „Um seinen Wasserverbrauch zu drosseln, muss der Baum die Spaltöffnungen (Stomata) der Blätter schließen oder er reduziert die Blattoberfläche durch Einrollen der Blätter. Nachfolgend kann es zur Nekrosenbildung kommen und zuletzt sogar zu einem verfrühten Laubfall. Der Baum steckt bei anhaltender Trockenheit in einem Dilemma zwischen Verhungern und Verdursten. Ohne Öffnen der Stomata kann der Baum keine Energie durch die Photosynthese gewinnen; öffnet er diese, verliert er Wasser und verdurstet in der Folge.“ (S.55) Die Standortsituation, vor allem in der Stadt, kann sogar eher einem wüstenähnlichen Extrem-Standort mit gelegentlichen monsunartigen Überflutungen gleichen. Durchgetrocknete Böden nehmen nur sehr langsam Wasser auf, daher kann nur gesprengt oder langsam wasserspendende Behältnisse verwendet werden. Durch organischen Mulch (3-5 cm) kann die Oberflächenverdunstung eingeschränkt werden. Vorsorgliche Bodenverbesserung, um den Bodenwasserspeicher und die Infiltration zu erhöhen, kann durch Entsiegelung, Bodenlockerung, Humusanreicherung, Mykorrhizabeimpfung oder Wasserspeichergranulat bewirkt werden. Der nutzbare Wasserspeicher ist abhängig von der Bodenart. Ein Schätzwert für den Wasserbedarf lautet 3-5 l/m2Kronenprojektionsfläche pro Tag.
Vernässung bedeutet Luftmangel! Hoher Grundwasserstand, Staunässe, Überflutung und dauerhafte, ergiebige Niederschläge können zu einer langanhaltenden Wassersättigung des Bodens führen. Das heißt, alle Poren sind mit Wasser gefüllt und der Luftaustausch mit der Atmosphäre ist unterbunden. (S.61) Unter diesen Bedingungen finden organische Umbauprozesse vermehrt unter Sauerstoffabschluss (anaerob) statt und es kommt in kürzester Zeit zu toxischen Gasanreicherungen von Kohlendioxid, Schwefelwasserstoff und Methan. Das führt oft zu üblem Bodengeruch. Gegenmaßnahmen sind Dränung, Druckluftsanierung zum Aufbrechen von Stauschichten, Förderung des porenbildenden Bodenlebens durch Komposte, Unterpflanzungen und Regenwurm-ansiedlung.
Nährstoffmangel bedeutet verringerte Wuchsleistung, Verfärbung von Nadeln und Blättern, höhere Anfälligkeit gegenüber Frost, Hitze, Trockenheit und Befall mit Krankheitserregern. Stadtübliche Reinigung der Baumscheibe bedeutet eine Verhinderung des (natürlichen) Nährstoffkreislaufes durch Laubeintrag. Bäume bestehen zu etwa 90 % aus Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, also aus Bestandteilen von Luft und Wasser. In der Symptomatik ist Nährstoffmangel nicht immer sicher von Nährstoffüberschuss zu unterscheiden, da sich Nährstoffe auch gegenseitig in ihrer Aufnahmefähigkeit behindern können. Folgende Maßnahmen zur Beseitigung von Nährstoffmangel bieten sich an:Ungestörten Nährstoffkreislauf zulassen, ausreichend Wurzelraum zur Verfügung stellen, Verdichtungen beseitigen, Aufbringen von reifem Kompost, organischem Mulch, Regenwurmansiedlung, Wässern, Vermeidung von Salzeintrag, Mykorrhizabeimpfung, günstigen pH-Wert anstreben, Unterpflanzung anlegen. Mineralische Düngung sollte nur in Ausnahmefällen in Erwägung gezogen werden.
Ein optimaler pH-Wert liegt für die meisten Bäume etwa zwischen 5,5 und 6,5, also leicht saure Böden. Es ist der Bereich, in dem Regenwürmer als „Porenschaffer“ (Belüftung des Bodens, Drainage-Funktion) im Boden zahlreich sind. Baumarten tolerieren unterschiedliche pH-Werte im Boden. Hierzu bietet Tabelle der Toleranzbereiche für den pH-Wert verschiedener Baumarten eine Übersicht. (S.72).
Gelegentlich verwendeter mineralischer Mulch heizt sich je nach Farbe stark auf und fördert die Wasserverdunstung und ist daher zu vermeiden.
Wurzelschäden sind aufgrund von Infrastrukturarbeiten im städtischen Bereich recht häufig. Direkte Verletzung oder Verdichtung oder Versiegelung bergen die Gefahr, dass Fäulnispilze eindringen, weil es dem Baum nicht gelingt, die Wunde schnell zu verschließen oder tote Holzteile abzuschotten. Lediglich Hallimaschpilze dringen auch in gesunde Wurzelstrukturen ein. Larven von Maikäfern und des Dickmaulrüsslers in großer Zahl führen zu Schäden der Fein- und Schwachwurzeln. Wühl- und Schermäuse schädigen auch stärkere Wurzeln und können zum Absterben kleinerer Bäume führen. Verletzte Wurzeln mit dem Ziel kleinstmöglicher Wundfläche sollte man nachschneiden und gegebenenfalls mittels Wundverschlussmittel (auch Lehm) gegen Austrocknung sichern, gegebenenfalls kann ein Kompensationsschnitt in der Krone erfolgen.
Bodenauftrag kann abhängig von der Art des Bodenmaterials negative Folgen für die Vitalität haben. In Abhängigkeit von der Auftragsmächtigkeit, der Ausdehnung und der Durchlässigkeit des Auftragsmaterials für Wasser und Luft kommt es bei sehr vielen Baumarten zu Schädigungen oder Absterben. Einige Arten sind in der Lage das aufgetragene Material mit neuen Wurzeln zu durchdringen. Kritisch ist das Absterben (Ersticken) von Feinwurzeln und der Mykorrhizapilze als Folge des Auftrags und anschließende Fäulnisbildung.
Bodenabtrag beeinträchtigt die Vitalität und Standsicherheit. Bei Bodenabtrag freigelegte Wurzeln trocknen rasch aus und sind frostgefährdet. Wundbehandlung von geschädigten Wurzeln und Auftrag von geeignetem, dauerhaft luftführendem Material zum Schutz vor Austrocknung und Erfrierungen kommen als Sofortmaßnahmen in Frage.
Streusalz ist für Bäume im städtischen Bereich sehr schädlich. Bäume können indirekt geschädigt werden durch negative Veränderungen im Boden, wie Verschlämmung und Verdichtung, Erhöhung des pH-Wertes, erschwerte Wasseraufnahme und Verdrängung wichtiger Nährelemente aus dem Boden. Streusalz kann aber auch eine direkte Schädigung verursachen, Beeinträchtigung des Stoffwechselns, bis hin zum Zelltod. Auf wichtigen Straßen dringt im Mittel etwa die Hälfte des Streusalzes über die Luft mit verspritztem Schnee oder Wasser in die Straßen-randböden ein. Eine der vorgeschlagenen Maßnahmen ist das Aufbringen von organischem Mulch vor der Streusaison und dessen Entfernung nach der Streusaison, sowie vielfältige Maßnahmen zur Bodenverbesserung.
Zahlreiche weitere Stoffeinträge in städtischen Bereichen beeinträchtigen das reguläre Wachstum der Bäume, können aber in Ausnahmefällen, wie bei Ziegel und Porenbeton, in hohem Maße für Pflanzen verfügbares Wasser speichern. Problematisch sind jedoch die chemischen Eigenschaften von vielen Baureststoffen, die erheblichen Einfluss auf den pH-Wert haben oder direkt toxisch sind. Auch Hundeurin in hoher Konzentration greift Feinwurzeln und Rinde an, überdüngt den Boden mit Stickstoff und macht den so geschwächten Baum anfälliger für Pilzbefall. Schwermetalllagerungen schädigen das Leben der Bodenorganismen und damit die Standortbedingungen für Bäume. Weitere Probleme können Leckagen von Gasleitungen sein, sowie Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), die bei Verbrennung(smotoren!) und Straßenabrieb (Asphalt, Teer, Reifenabrieb u.a.m.) entstehen. Deren Auswirkungen auf Bäume sind jedoch eher gering, da sie im Boden gebunden werden. Der Einsatz von Pestiziden im öffentlichen Raum ist gesetzlich geregelt. Toxische Wirkungen sind entweder Altlasten oder stammen aus privaten Flächen.
Das Bodenrelief oder die Bebauungsumgebung des Baumstandortes wirken sich auf die Wasserverfügbarkeit, Sonneneinstrahlung und Windexposition und auch auf die Bodenerosion aus. Hierzu: Abschnitt 4.1 S.101-104.Die Art der Bodenoberfläche beeinflusst maßgeblich die Infiltrations-leistung eines Standortes und den Austausch der Bodenluft. Ein guter Gasaustausch findet in der Regel auf solchen Flächen statt, die mit Vegetation bewachsen sind. Zustand und Mächtigkeit der organischen Auflage sind ein wichtiger Indikator, um Luft-, Wasser- und Nährstoffhaushalt einzuschätzen. Ideal ist eine dünne Schicht Auflagehumus, die sich durch hohe biologische Aktivität und damit eine hohe Verfügbarkeit von Stickstoff und anderen Nährelementen sowie einen günstigen Wasser- und Lufthaushalt auszeichnet. Dicke Schichten Auflagehumus hingegen binden Nährstoffe und zeugen von einem ungünstigen Wasser- und Lufthaushalt. In städtischen Bereichen können nicht zu mächtige Mulchauflagen ähnlich wirken wie Auflagehumus. Alle Versiegelungsmaterialien beeinträchtigen die Vitalität. Eine Unterpflanzung im Kronenschirmbereich kommt den natürlichen Standortverhältnissen sehr nahe.
Pilzfruchtkörper treten auf der Bodenoberfläche und an den Holz-bestandteilen der Bäume (Wurzeln, Stammfuß und unterer Stamm) auf. Man muss nützliche und schädliche Pilze unterscheiden. Viele Pilze sind Indikatoren gesunder Bodenverhältnisse, andere wie Hallimasch oder Riesenporling und andere hingegen sind Fäulepilze, die Bäume erheblich schädigen und die Standsicherheit gefährden können. Wurzelverletzungen durch Grabungen sind häufige Ursachen für das Eindringen solcher Pilze, aber auch Bodenverdichtung, Überdüngung, Schadstoffeinträge führen zu Vorschädigungen, die das Eindringen von Schad- und Fäulepilzen ermöglichen. Dunkle wurzelähnliche Ausbreitungsorgane (Rhizomorphen) im Boden, an Baumwurzeln oder unter abgelöster Rinde zeigen Hallimasch an.
Bei der Bestimmung einer möglichen Altlast am Baumstandort des Zustandes kann die Ermittlung der Geschichte des Standortes wichtige Hinweise geben. Beieinanderstehende Bäume können über Wurzelverwachsungen und Pilzhyphen der Mykorrhiza kommunizieren und schützen sich manchmal gegenseitig vor Windlasten. In diesem Bereich sind weitere Erkenntnisse für das Stadtbaum-Management zu erwarten.
Die Kenntnis zur Lage der Wurzeln ist bei der Planung von Baumaßnahmen wichtig, aber leider sehr schwierig zu ermitteln. Die genetisch vorgegebenen Formen der Wurzelsysteme (Herz-, Senker- und Pfahlwurzler) treten selten deutlich in Erscheinung. Das mehrfache Verschulen der Jungpflanzen in der Baumschule führt zu Modifikationen der Wurzelsysteme. Stadtböden weisen eine hohe kleinräumige Heterogenität auf. Die Logik des geringsten Widerstandes bei der Wurzelentwicklung führt aufgrund von früheren Eingriffen in den Boden, z.B. Leitungen, häufig zu asymmetrisch aufgebauten Wurzelsystemen. Bei Baumaßnahmen mit baumpflegerischer Begleitung können in Regelfall Wurzeln erhalten werden.
Ausführlich mit zahlreichen, sehr aufschlussreichen Aufnahmen von Beispielen baulicher Eingriffe und Interaktionen von Wurzeln und Bauwerken werden wurzelbedingte Baumschäden in städtischen Bereichen und deren Folgen dargestellt. (S.133-138) Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass bauliche Eingriffe im Baumumfeld, die nicht fachgerecht ausgeführt werden, für massive Wurzelverluste verantwortlich sind und nachteilige Bodenveränderungen verursachen, mit Folgen für die Standsicherheit, welche oft erst langfristig herabgesetzt ist. Wird einem Baum zu wenig Wurzelraum bereitgestellt, steigt die Wahrscheinlichkeit unerwünschter Interaktionen.
Rechtliche Grundlagen zum Schutzgut Baum und Boden sind vielfältig.Gesetze mit unmittelbarer Schutzwirkung
- Bundesnaturschutzgesetz
- Bundesbodenschutzgesetz
- Bundesbodenschutzverordnung
- Bebauungsplan
- Baumschutzsatzung
Gesetze mit mittelbarer Schutzwirkung
- Raumordnungsgesetz
- Baugesetzbuch
- Wasserhaushaltsgesetz
Weiterhin gibt es relevante DIN-Normen; Richtlinien; zusätzliche technische Vertragsbedingungen für Baumpflege als Vertragsbestandteil bei der Vergabe öffentlicher Aufträge u.a.m.Als Exkurs werden die wichtigsten Prozesse der Bodenbildung beschrieben. .*
Bäume und Regenwürmer sind die wichtigsten „Ökosystemingenieure“, sie schaffen Poren, die Luft und Wasser führen, auch in verdichteten Schichten und es entstehen so Lebensräume für viele weitere Organismen. Die folgende Tabelle beschreibt die Lebensformtypen von ausgewachsenen Regenwürmern.
Mykorrhizapilzesind Pilze, die mit den Feinwurzeln der meisten Pflanzen eine Symbiose bilden, bei der Wasser und Nährstoffe gegen durch Assimilation gebildete Kohlehydrate getauscht werden. Zahlreiche Mykorrhiza-Pilze bilden Fruchtkörper, während andere keine Fruchtkörper bilden und mit bloßem Auge kaum zu identifizieren sind. Zur Unterstützung des Baumwachstums, besonders an schwierigen Standorten werden Mykorrhiza-Impfstoffe eingesetzt.
Trichoderma, ein Schimmelpilz, wird zur Bekämpfung von Fäulepilzen eingesetzt. Die Sporen dieses Pilzes werden über vier Jahre jeweils viermal im Jahr ausgebracht, um Riesenporling, Hallimasch und andere Fäulepilze zu bekämpfen.
Im Anschluss an den Text findet sich eine umfangreiche Literaturliste und ein Glossar, was die Lektüre dieses Buches für jedermann erleichtert. Ein Stichwortverzeichnis und ein sehr anschaulicher Bestimmungsschlüssel zur Diagnose von Bodenschadverdichtung auf urbanen Standorten machen dieses Buch zu einem Standardwerk für alle, die sich mit Bäumen in der Stadt beschäftigen.Sehr hilfreiche Musterbögen zur Protokollierung der Baumzustände werden auf der Internetseite zum herunterladen angeboten. https://www.baumimboden.de/musterboegen_wurzelraumansprache.html
**Die AutorInnen dieses Praxishandbuches haben meine Zusammenfassung durchgesehen. Hierfür bedanke ich mich. Für eventuelle Fehler bin ich verantwortlich. (Peter Lock)