Bornplatzsynagoge

– Symbol vermeintlicher Emanzipation in Deutschland – Auslöschung – Jahrzehnte geschichtsvergessener Verdrängung – Wiederaufbau als Überbauung deutscher Geschichte? 


In verschiedenen Städten im zur Weltmacht aufstrebenden deutschen Kaiserreich wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts erstmals große repräsentative Synagogen als sichtbaren Teil der Stadtgestaltung gebaut. Eine große Zahl Deutscher jüdischen Glaubens war überzeugt, dass die volle rechtliche Emanzipation erreicht sei, dass Synagogen somit nicht länger unauffällig im Stadtbild platziert sein müssten. Es gab freilich auch namhafte Stimmen in jüdischen Gemeinden, die Bedenken hatten, dass diese Situation keineswegs gefestigt sei und, vor dem Bau von Synagogen als Teil des repräsentativen Stadtbildes warnten. Sie waren nicht sicher, dass es in Deutschland nicht auch Rückschläge zurück zu Zeiten der Diskriminierung geben könne. 

In Hamburg, aber auch in Frankfurt am Main in der Friedberger Anlage, wurde gleichwohl im ersten Jahrzehnt eine sehr große, sichtbare Synagoge im Stil wilhelminischer Architektur am Bornplatz gebaut. Dass aber längst nicht alle Hamburger jüdischen Glaubens mit der pompösen Einordnung in das wilhelminische Staatsverständnis einverstanden waren, beweist die unzerstörte, 1932 eingeweihte Synagoge in der Oberstraße in fußläufiger Entfernung zum Bornplatz, die heute als Konzertsaal des NDR genutzt wird. Sie ist geradezu eine architektonische Antithese zur Bornplatzsynagoge.

Mit der Wahl Hitlers zum Reichskanzler und der anschließenden absoluten NS-Herrschaft hatten die skeptischen Stimmen in den jüdischen Gemeinden in Hamburg tragischer Weise Recht behalten. Viele haben die rassistische Ausgrenzung nicht für möglich gehalten und zum Beispiel als „jüdische Frontkämpfer“ auf dem Hamburger Rathausmarkt für ihre Rechte demonstriert. Julius Gumbel, der kritische Protokollant der rechtslastigen Justiz in der Weimarer Republik, schrieb im New Yorker Exil, dass er als Linker von den Nazis zunächst nach Paris getrieben worden sei, aber erst in New York von der rassistischen Verfolgung zum Juden gemacht worden sei.

Es wurde in Hamburg politisches Ziel, sichtbare Wurzeln jüdischen Lebens schrittweise zu eliminieren. So musste die zwangsvereinigte jüdische Gemeinde 1937 der Beseitigung des jüdischen Friedhofs auf der Fläche zwischen Rentzelstraße, Bundesstraße, Durchschnitt, An der Verbindungsbahn unter teilweiser Umbettung von Gräbern auf eine abgelegene Fläche (Friedhof Ilandkoppel) neben dem Ohlsdorfer Friedhof zustimmen. Hastig wurde auf dem Gelände eine unansehnliche Wohnzeile errichtet, die den Krieg überstanden hat. 

Die am 9. und 10. November 1938 organsierte massive Beschädigung von Synagogen und „jüdischen Geschäften“ muss als politischer Test für die Möglichkeit der Beseitigung jüdischen Lebens verstanden werden. In Hamburg folgte eine unwidersprochene, bürokratische Zwangsmaßnahme, die der „angeordneten“ jüdischen Einheitsgemeinde die Kosten des vollständigen Abrisses der durch Brand stark beschädigten Bornplatz- Synagoge auferlegte. Eine Zeitungsmeldung berichtete im Herbst 1939, dass die Abbrucharbeiten unterbrochen werden mussten, weil wegen des Krieges gegen Polen die notwendigen Arbeitskräfte nicht verfügbar waren, dass aber alsbald der Abbruch fortgesetzt würde und die Hamburger sich über eine neue Grünfläche freuen würden.

Es kam anders. Auf der Fläche wurde umgehend ein Hochbunker errichtet, der arischen Bürgern im Grindel vorbehalten blieb, während nicht-arische Bewohner des Grindel darauf verwiesen wurden, bei Luftangriffen Kellerräume im Pferdestall (ebenfalls am Bornplatz 1908 gebaut als große Remise des Droschkenunternehmens Schlüter, in den zwanziger Jahren, für die Universität umgebaut) aufzusuchen. Fast alle rassistisch als Juden gebrandmarkte Hamburger Bürger wurden schrittweise enteignet, ihre Unternehmen „arisiert“; Reichsfluchtsteuer und viele weitere Verordnungen führten zur Ausplünderung, vor allem bei Emigration, und schließlich nach dem 9. November 1938 kam noch die „Judenvermögensabgabe von 1 Milliarde Reichsmark als „Sühne“ hinzu. All dies wurde breit kommuniziert. Die verbliebenen mit Judenstern „tätowierten“ Menschen wurden in „Judenhäuser“, z.B. in der Rutschbahn im Grindelviertel, gepfercht und schließlich deportiert und ermordet. Ihre Hausstände wurden öffentlich versteigert. Nur wenige Menschen konnten sich dem entziehen und untertauchen. Ein angesehener Staatsrat, aufgrund der Gesetze zum Berufsbeamtentum von 1934 entlassen, hat sich gemeinsam mit seiner Frau zum Tag seiner angeordneten Deportation in seiner Wohnung am Winterhuder Markt durch Selbstmord der bürokratischen Mordordnung widersetzt.

Die Vokabel „Stunde Null“ im kriegszerstörten Deutschland erlaubte nach 1945 mindestens zwanzig Jahre weitgehende Geschichtsvergessenheit in der Bundesrepublik. „Wiedergutmachung“ war die Vokabel für die Annäherung von Ben Gurion und Adenauer in New York, die im ersten Schritt geheime Waffenlieferungen an den jungen Staat Israel bedeutete. Die Unmöglichkeit, die industriell durchgeführte Ermordung von Millionen Juden in Europa „wiedergutzumachen“, verhindert bis heute die Beseitigung dieser verlogenen Begrifflichkeit aus politischen Diskursen und rechtlichen Regelungen. In Hamburg wurden zahlreiche noch vorhandene Immobilien der jüdischen Gemeinden von der Stadt, und im Falle der Synagoge in der Oberstraße vom NDR, vom World Jewish Congress, stellvertretend für die faktisch ausgelöschten Gemeinden, in den fünfziger Jahren erworben.

Der Hochbunker*wurde mühevoll für die zivile Nutzung durch ein Institut der expandierenden Universität umgebaut. Das Universitätsgelände wurde, völlig geschichtsvergessen, unter Beseitigung des Straßennamens Bornplatz (Namensgeber für die Synagoge) und Beneckestraße (Anschrift der orientalischen Synagoge und Sitz der jüdischen Gemeinde bis zu ihrer Auflösung), zu „Von-Melle-Park“ umbenannt. Jüdische Emigranten, die später auch auf Einladung des Senates Hamburg besucht haben, vermissten den „Bornplatz“. Nach 1983 waren sie verwundert über die scheinbare Umbenennung des Bornplatzes in Allende Platz, die als Kompromiss gegenüber der eigentlichen Forderung, den „Von-Melle-Park“ in „Allende Park“ umzubenennen, am 11. September 1983 stattfand.

Eine unscheinbare Plakette an der Stirnseite des Bunkers, die nachweislich nicht vom Denkmalschutzamt angebracht worden war, informiert (bis heute), dass an diesem Ort eine Synagoge stand. Sie löste im Jahre 1979 eine lange Zeit vergebliche Suche nach einer Aufnahme dieser verschwundenen Synagoge aus, die schließlich zusammengetragen von zwei Dozenten und einer Gruppe engagierter Student*innen zu einer Ausstellung „Bausteine zur Rekonstruktion jüdischen Lebens im Grindel“ zu den Universitätstagen 1982 geführt hat. Sie wurde zunächst im „Pferdestall“ und danach im Hauptgebäude der Universität gezeigt. 

20210410_tafeln.hochbunker.synagoge_foto.nko_01.jpeg



Das fast zwei Jahre betriebene Zusammentragen von Informationen zum jüdischen Leben im Grindel und dessen Auslöschung im geschichts-vergessenen Hamburg hat Anstöße gegeben, die schreckliche Zeit vor der „Stunde Null“ im Grindel, in der Universität und in Hamburg auszuleuchten. Auf dem Gelände der verschwundenen Synagoge war neben dem Hochbunker ein wilder Parkplatz, auf dem im Nachgang zur Ausstellung eine Grabung vorgenommen wurde, bei der nur von wenig Erdreich bedeckt zahlreiche Trümmerteile des Frauenbades der Synagoge freigelegt wurden. Die Kulturbehörde hat in der Folge eine künstlerische Ausgestaltung der örtlichen Geschichte vor der Stunde Null im „Pferdestall“ veranlasst und die Aufnahme der Synagoge von Hamann, dem Fotografen der Ballin Reederei, im Eingangsbereich aufgehängt. In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre wurde dieser Parkplatz endlich durch die Pflasterung eines Bodenmosaiks der Abbildung der Kuppel der Synagoge und eine Schrifttafel am Bunker, die den Ablauf der Ereignisse wiedergibt, zu einem würdigen Gedenkort für die unfassbaren, offenen Verbrechen an rassistisch gebrandmarkten Menschen in Hamburg gestaltet. Nach vierzig Jahren Geschichtsvergessenheit, aber immerhin …

Inschrift: Hier am Bornplatz stand bis 1939 die größte Synagoge Norddeutschlands. Sie wurde 1906 nach den Plänen der Architekten Friedheim und Engel errichtet. Bis zu ihrem Zwangsabbruch durch die Nationalsozialisten im Jahre 1939 war die Synagoge e…

Inschrift:
Hier am Bornplatz stand bis 1939 die größte Synagoge Norddeutschlands.
Sie wurde 1906 nach den Plänen der Architekten Friedheim und Engel errichtet.
Bis zu ihrem Zwangsabbruch durch die Nationalsozialisten im Jahre 1939 war die Synagoge ein Mittelpunkt des religiösen jüdischen Lebens in Hamburg in ihr fanden über 1100 Gläubige Platz.
In der Progromnacht vom 9/10. November 1938 machten die Nationalsozialisten diese geweihte Stätte zu einem Schauplatz der Judenverfolgung: die Synagoge wurde in Brandt gesteckt und schwer beschädigt. Nach dem Abbruch des Gotteshauses wurde der Bunker errichtet.
Für den Ort der ehemaligen Hauptsynagoge der Deutsch-israelitischen Gemeinde ist ein Monument entworfen worden. Es soll ein Abbild des Deckengewölbes der zerstörten Synagoge auf ihrer ehemaligen Stätte erscheinen lassen.
Das Monument soll an die Gestalt des Gotteshauses erinnern, es soll eine Mahnung sein, daß sinnlose Zerstörung ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit gewesen ist.

Möge die Zukunft die Nachfahren vor Unrecht bewahren.

Für den Verfasser dieses Textes sehr überraschend berichtete die Presse vor einigen Monaten, dass Hamburger Bundestagsabgeordnete vereint 45 Millionen Euro für den Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge eingeworben hätten. Weitere 45 Millionen Euro müsse Hamburg aufbringen. Der Bürgermeister und die Vorsitzende der Bürgerschaft hatten prompt einen Fernsehauftritt auf dem Platz vor dem Hochbunker und leisteten ihre Unterschrift für das Begehren, die Bornplatz Synagoge, eingeblendet eine historische Aufnahme des Bornplatzes mit Synagoge, wieder aufzubauen, das bereits einhunderttausend Unterschriften zusammengetragen hatte. Es wurde als späte, längst überfällige Wiedergutmachung gegenüber der heutigen jüdischen Gemeinde etikettiert. Das Projekt fungiert in der vorgestellten Form jedoch als eine Überbauung der Spuren der grauenhaften Jahre der NS-Herrschaft in Hamburg und erlaubt zukünftigen Generationen endgültig Geschichtsvergessenheit (im Grindel) zu praktizieren.

Heute wandern Menschen jüdischen Glaubens in das Land der Täter des Holocausts ein und haben neue jüdische Gemeinden gebildet. Das gebietet, ihnen mit einer freudigen Willkommenskultur zu begegnen und für sie einen angemessenen, sichtbaren Ort im Stadtbild zur Gestaltung ihres religiösen Lebens zu schaffen. Hierzu bedarf es in Hamburg eines breiten Diskurses sämtlicher Glaubensgemeinschaften, der Stadtplaner und der Bürgerschaft, um einen geeigneten weithin sichtbaren Ort für die Gestaltung von Synagoge und Gemeindezentrum für die wachsende neue jüdische Gemeinde auszuweisen.

Eingedenk der weitgehend schweigend tolerierten deutschen Geschichte bis 1945, auch der Kirchen in Hamburg, wäre es zum Beispiel eine Möglichkeit, dass christliche Glaubensgemeinschaften einen ihrer zentralen historischen Orte für die jüdische Gemeinde zur Verfügung stellen. Eine andere bietet das Gelände des bereits vor dem 1. Weltkrieg geschlossenen und zwangsweise 1937 in Teilen nach Ohlsdorf umgebetteten und anschließend mit sehr bescheidenen Wohnzeilen bebauten Fläche des alten jüdischen Friedhofs für die Schaffung eines Zentrums jüdischen Lebens in Hamburg zu räumen. Aber hierzu muss der angesprochene Diskurs stattfinden, diese Zeilen sind lediglich ein Versuch das Thema Bornplatz genauer einzuordnen.

10. April 2021 Peter Lock





**Die etwa zeitgleich in Frankfurt in der Friedberger Anlage gebaute große Synagoge wurde zeitgleich mit der Bornplatz Synagoge schwer beschädigt, später abgerissen und an dieser Stelle ebenfalls ein Hochbunker gebaut, der zu einem „Denk- und Erinnerungsort“ schrittweise umgestaltet wird.