Mehrere tausend Stadtbäume in Hamburg, Rosskastanien <Aesculus hippocastanum>, müssen in den nächsten Jahren gefällt werden, weil es gegen aktuelle Schaderreger kein einsetzbares Mittel gibt.
Seit mehreren Jahren habe ich mich als Hobbypomologe mit der verfügbaren Fachliteratur zu Esskastanien <Castanea sativa> beschäftigt. Es kursieren zwei Missverständnisse, die das geringe Vorkommen dieser Baumart in Norddeutschland erklären und Widerstände gegen die Pflanzung von Esskastanien erklären. In Kreisen von Naturschützern, die sich als Bewahrer heimischer Biotope verstehen, gilt diese Baumart als fremde invasive Art. Sie wurde jedoch bereits von den Römern in Europa umfänglich angebaut. Esskastanien sind ein gehaltvolles Nahrungsmittel, das zu Mehl verarbeitet lange haltbar ist. Die Qualität des Holzes ist vergleichbar mit Eiche und wurde u.a. zum Haus- und Fassbau verwendet. Im Kurzumtrieb produziert diese Baumart zahlreiche dauerhafte Stecken, die zum Aufbinden des Weins benötigt wurden. Hieraus erklärt sich das heutige Vorkommen, vorrangig in Weinbaugebieten, was fälschlicherweise in populären Baumbüchern zur klimatischen Voraussetzung für diese Baumart deklariert wurde.
Grundsätzlich gilt, dass alle Biotope, die heute geschützt werden, eine Folge anthropogener Eingriffe in die „Natur“ sind. Für die stark gefährdete Biodiversität ist entscheidend, dass eine Baumart der gesamten heimischen Fauna auf unterschiedliche Weise Lebensräume bietet und klimageeignet ist. Umfangreiche Studien staatlicher Forschungsanstalten haben für diese Fragestellungen eine gute Eignung von Castanea sativa in fast ganz Deutschland ermittelt, wobei Hamburg klimatisch als sehr gut klassifiziert wurde. (Quellen <teilweise mit Zusammenfassungen> www.peterlock.de)
Trotz der Namengleichheit besteht botanisch keine Verwandtschaft zwischen Rosskastanien und Esskastanien (Maronen). Letztere sind daher von den Schaderregern der Rosskastanie nichtbetroffen.
Die anzustrebenden Ersatzpflanzungen mit Castanea sativa für die verendenden Rossskastanien sind ein Beitrag für eine „enkeltaugliche grüne und essbare“ städtische Lebenswelt. Die voluminösen, lange verfügbaren männlichen Blüten sind eine ausgezeichnete Bienenweide, die spät nach den vielen Frühjahrsblühern bis weit in den Juni verfügbar wird. Anstelle von Rosskastanien zum Basteln werden essbare Maronen auf öffentlichen Flächen der Stadt verfügbar. Die Pflanzung von Castanea sativa ist ein Beitrag zur Biodiversität in städtischen Bereichen, die angesichts der agrar-industriell verstärkten Verödung ländlicher Räume zu einem Refugium der Biodiversität werden. Erste Pflanzungen sind in Wandsbek und Eimsbüttel erfolgt. Nun gilt es ein breites Bündnis zur Pflanzung dieser Baumart als Ersatz der sterbenden Rosskastanien zu bilden, Bürger (z.B. als Baumpaten), Naturschutzgruppen, städtische Imker, Klimaaktivisten u.a.m.
Februar 2021 Peter Lock (www.peterlock.de)