Verzeichnis der Beiträge
Die Esskastanie: Verwandtschaft, Morphologie und Ökologie 7
Gregor Aas
Genetik und Vermehrungsgut der Esskastanie 14
Karolina Faust und Barbara Fussi
Stätten und Facetten einer Kastanienkultur in Deutschland 20
Volker André Bouffier
Anbaueignung der Edelkastanie in Deutschland 31
Eric Andreas Thurm und Richard Heitz
Die Edelkastanie in Bayern – Erkenntnisse aus einem Projekt der LWF 42
Marvin Lüpke, Richard Heitz, Enno Uhl und Christoph Hübner
Multitalent Edelkastanie – Erkenntnisse und Erfahrungen aus dem Pfälzerwald 55
Wolfgang Warmbsganß und Hans-Peter Ehrhart
Das Holz der Edelkastanie – Eigenschaften und Verwendung 64
Klaus Richter und Gabriele Ehmcke
Die wichtigsten Krankheiten und Schädlinge der Edelkastanie 71
Marco Conedera, Jörg Grüner, Horst Delb, Eric Gehring und Simone Prospero
Biodiversität und waldbauliche Behandlung von Edelkastanienwäldern 82
Ernst Segatz
Kurzbeiträge
Der Brotbaum der Bergbauern 30
Edelkastanienhonig – ein besonderer Sortenhonig 54
Ausbreitung der Edelkastanie durch Eichelhäher 62/63
Die Esskastanie in der Volksheilkunde 80/81
Bezug zum Preis von 10 Euro plus Porto: http://www.lwf.bayern.de/service/publikationen/012446/index.php
BUCHBESPRECHUNG
Die Beiträge in dieser Veröffentlichung der Bayerischen Landesanstalt für Forst und Waldwirtschaft protokollieren den gegenwärtigen Wissensstand zum Anbau des Baumes des Jahres 2018 „Castanea sativa“ in Deutschland. Diese Baumart ist seit der Römerzeit als Archeophyt eingebürgert und wird in Zeiten der Klimaerwärmung eine größere waldbauliche Bedeutung erlangen. Für den Aufbau klimatoleranter Mischwälder ist es dringend geboten, dass das Vermehrungsgut für die C. sativa über die nötige genetische Diversität verfügt, die Anpassung durch Genfluss ermöglicht. Vor allem in Parks und urbanen Bereichen wird man hingegen Kastanien sammeln wollen und daher durch Pfropfung veredelte, früh fruchtende Sorten pflanzen. Bouffier führt reich bebildert durch die vielfältigen Spuren des historischen Kastanienanbaus in Deutschland, die nicht selten heute touristische Attraktionen bilden. Auf der Grundlage von Klimadaten und empirischer Bestandserfassung haben Thurm und Heitz eine Deutschlandkarte mit klimatischer Anbaueignung in fünf Klassen für C. sativa erarbeitet, die weite Teile Nord- und Mitteldeutschland als sehr gut und gut geeignet ausweist. Eine Beschränkung bilden freier Kalk im Oberboden und Grund- und Stauwasser beeinflusste Böden (wg. Tintenkrankheit).
Auf der Grundlage von Forschungsarbeiten der Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft wird die Entwicklung der Bestände in Bayern erläutert und daraus Anbauempfehlungen abgeleitet. Im Pfälzerwald finden sich Deutschlands älteste und größte geschlossenen Bestände, die unter anderem der historischen Symbiose von Weinbau und Esskastanienholz für Stecken (Niederwaldanbau) und Fassbau (Hochwaldbau)geschuldet ist. Die waldbauliche Pflege dieser Bestände sorgt heute für Tourismus in der Region, ist eine überregional begehrte Bienenweide mit geschätzt 50 000 kg Honigertrag und liefert jährliche Holzerträge von 300 000 Euro. Selbst bei Auftreten von Kastanienrindenkrebs kann als Produktionsziel noch Palisadenholz erreicht werden.
Das Holz der Esskastanie wird selbst in den Stärkeklassen D 0 und D 1 als Rundholz nach Abfräsen des Splintholzes nachgefragt, ohne chemischen Schutz oder Modifikationsbehandlung im Erdkontakt und Wasserbau mit dem Vorteil des rückstandslosen natürlichen Abbaus am Ende der Materiallebensdauer.
Drei ausnahmslos importierte Krankheiten der Edelkastanie, Asiatische Edelkastaniengallwespe, Kastanienrindenkrebs und Tintenkrankheit, werden anhand der Befallssymptome ausführlich erläutert und bekannte Gegenmaßnahmen nachvollziehbar beschrieben.
Im abschließenden Beitrag berichtet Segatz das derzeit verfügbare Wissen über die Beiträge der Edelkastanien zur Biodiversität und erläutert die Möglichkeiten der Förderung von Biodiversität im Rahmen ertragsorientiertem Waldbau mit dieser Baumart. Als Ort des Höhlenbaus von Spechten, als Lebenssphäre von Totholzinsekten und in ökologischer Symbiose sich offenbarender Vielfalt an Pilzen und Flechten leistet die Edelkastanie in Mischwäldern einen überdurch-schnittlichen Beitrag zur Biodiversität. Für Bienen und andere Fluginsekten bietet die Edelkastanie geradezu ein Refugium in Regionen agrarindustrieller Monokulturen.
Da in nicht wenigen populären Baumbüchern die C. sativa auf das sog. Weinbauklima beschränkt wird und vielen Regionen Deutschlands weithin unbekannt ist, die aber als klimatisch gut und sehr gut anbaugeeignet ausgewiesen sind, ist dieser Publikation eine weite Verbreitung zu wünschen. Das Spektrum reicht von Kurzumtriebplantagen für Energieholz und Wege- und Straßenbegleitpflanzungen mit Überhältern, Beiträge zum Knickgehölz mit vorgeschriebenem zehnjährigen Umtrieb und Ersatzpflanzung für die in einigen Regionen Norddeutschlands dahinsiechenden Rosskastanien.
ZUSAMMENFASSUNG DER INHALTE
Die Esskastanie: Verwandtschaft, Morphologie und Ökologie 7
Gregor Aas
In Deutschland ist die Esskastanie seit der Römerzeit als Archeophyt eingebürgert. Ihr Klimacharakter wird mit submediterran-subatlantisch beschrieben. Ob sie auch in Zeiten der Klimaerwärmung in Deutschland eine größere waldbauliche Bedeutung erlangen wird, hängt von ihrer Gefährdung durch eingeschleppte Pathogene und ihrer Toleranz gegenüber Sommertrockenheit ab. Die Gattung gehört zu den Buchengewächsen (Fagaceae) mit dem gemeinsamen Merkmal zur Reife aufspringender, weich bestachelter Fruchtbecher, die Nussfrüchte (Kastanien) umgeben.
Die umfangreichen Bestände der amerikanischen Art (C. dentata) wurden in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrh. vom Kastanien-Rindenkrebs (Cryphonectria parasitica) nahezu komplett vernichtet. C. sativa in Europa erreicht bis 35 m und einen Brusthöhendurchmesser bis zu vier Meter. Typisch ist die graubraune Borke mit im Alter tiefen Längsfurchen des meist drehwüchsigen Stammes. Charakteristisch sind die großen, derb-ledrigen, lanzettlichen Laubblätter und die bis ins Alter anhaltende Fähigkeit zur Bildung von Ersatztrieben aus schlafenden (proventiven) Knospen an Stamm und Ästen und zur Bildung von Stockausschlägen, die waldbaulich verbreitet in Europa genutzt werden.
Die Blüten sind funktionell eingeschlechtig und in getrennten Blütenständen einhäusig verteilt. Die männlichen Blüten bilden 10-25 cm lange Kätzchen, an denen die kleinen weißen Einzelblüten sitzen. Die weiblichen Blüten sind unscheinbar, umgeben vom schuppig beblätterten Fruchtbecher. Esskastanien blühen Ende Mai bis Anfang Juni und sind auf Fremdbestäubung entweder durch Insekten oder bei Trockenheit Wind angewiesen. Aufgrund der jahreszeitlich späten Blüte sind sie eine begehrte Bienentrachtpflanze und liefern reichlich Honig. Nach der Befruchtung wird der zur Blütezeit nur einige Millimeter große Fruchtbecher bis faustgroß. Reif fallen die Früchte zu Boden. Sie werden durch Vögel und Kleinsäuger über weite Distanzen ausgebreitet.
Die lange Kultur und anthropogen geförderte Ausbreitung macht es schwer ein natürliches Areal abzugrenzen. Sich regenerierende Bestände gibt es in wärmebegünstigten Lagen der Rheinebene, an den Hängen von Nahe, Saar und Mosel, im westlichen Schwarzwald, im Taunus und am unteren Main. Aufgrund ihres submediterran-subatlantischen Klimacharakters beansprucht sie ein warmes, wintermildes und vor allem in der Vegetationszeit ausreichend niederschlagreiches Klima. Günstig sind Temperaturen mit einem monatlichen Mittel von über 10 Grad C° und Jahresniederschläge nicht unter 600-800 mm. Esskastanien bevorzugen tiefgründige, gut drainierte, saure bis neutrale Böden und meiden kalkhaltige Substrate. C. sativa ist eine Halbschattenart, mit zunehmendem Alter nimmt das Lichtbedürfnis zu.
Genetik und Vermehrungsgut der Esskastanie 14
Karolina Faust und Barbara Fussi
Da der Einfluss des Menschen bei dieser Baumart (Holzerzeugung und Maronenproduktion) sehr hoch war, wird vermutet, dass es sich bei den heute bestehenden Vorkommen um genetisch wenig differenzierte Bestände mit geringer genetischer Nähe zur Wildform handelt. (Fruktifizierung im Freistand nach 20 bis 30 Jahren, im Waldbestand nach 40 bis 60 Jahren.) Die heutigen Bestände in Deutschland sind vermutlich auf Fruchtbildung selektiert, während jedoch heute die Eigenschaften als ökonomisch wie ökologisch wertvoller Waldbaum im Vordergrund stehen. Für den Aufbau klimatoleranter Mischwälder ist es dringend geboten, dass das Vermehrungsgut über die nötige genetische Diversität verfügt, die Anpassung durch Genfluss ermöglicht. Die Zuchtform der Edelkastanie – die großfrüchtige leichter schälbare Maroni – wird hauptsächlich über Pfropfung vermehrt. Daneben existieren etliche Esskastanienbestände, die aus Stockausschlag während der Niederwaldbewirtschaftung entstanden sind.
Es bestehen Mindestanforderungen für die Zulassung als Erntebestand für Saatgut. Durch Langzeitwässern werden taube und insektenbefallene Kastanien ausgeschwemmt. Ein Kilo Kastanien enthält 170 bis 270 Samen. Keimprozente liegen zwischen 65 und 93 Prozent. Es besteht keine Keimhemmung. Wertholzerzeugung ist wegen Ringschäle anspruchsvoll, Stammholz der Klasse B und Energieholz fallen wegen des in den ersten Jahren raschen Wachstums umfangreich an.
Stätten und Facetten einer Kastanienkultur in Deutschland 20
Volker André Bouffier
In diesem anschaulich bebilderten Beitrag wird ein breites Spektrum historischer Quellen zu bedeutenden, sehr unterschiedlichen Rollen der Esskastanienkultur in Deutschland präsentiert. Als besonders nachhaltig hat sich die enge Verknüpfung mit dem historischen „Kammertbau“ (Reberziehung) erwiesen, die zur waldbaulich differenzierten Bewirtschaftung in Nieder- und Hochwald geführt hat und heute als touristische Attraktion und begehrte Bienenweide in der Pfalz gepflegt wird. Aber auch die verbreitete gartenkünstlerische Verwendung als Solitär, Baumgruppe, Allee und Kastanienhaine wird dokumentiert. Es werden bis heute vorhandene prachtvolle Beispiele in verschiedenen Bundesländern gezeigt.
Anbaueignung der Edelkastanie in Deutschland 31
Eric Andreas Thurm und Richard Heitz
Die Edelkastanie besitzt trotz ihres mediterranen Fokus ein relativ großes Verbreitungsgebiet, hinein auch in die kühleren Bereiche Deutschlands. Dies lässt vermuten, dass sie im Klimawandel mit den steigenden Temperaturen und vergleichsweise stabilen Niederschlägen zu den Gewinnern gehören könnte. Dabei könnte sie die Klimatoleranz und
–resilienz von Buchen und Eichenmischbeständen erhöhen. Eine europaweite Artverbreitungsmodellierung anhand von Klimadaten liefert Parameter. Im Falle der Edelkastanie bestimmt vor allem die maximale Temperatur (=30-jähriges Mittel der durchschnittlichen Monatsmaxima) im Sommer die Verbreitung. Gebiete mit zu kalten (<22°C) aber auch zu heißen Sommern (>30°C) meidet die Esskastanie. Der Niederschlag im wärmsten Vierteljahr wirkt nur in geringem Umfang beschränkend auf die Verbreitung der Art. Niederschlagssummen über 200 mm erhöhen hauptsächlich die Eignung: je mehr Niederschlag, desto besser. Auf der Grundlage der Bundeswaldinventur und zahlreichen zusätzlichen Meldungen wurde das klimatische Wachstumspotenzial im Alter von 50 Jahren erfasst und in fünf Klassen kartiert. Im Hinblick auf den Boden ist die Empfindlichkeit der Edelkastanie gegenüber freiem Kalk im Oberboden und das erhebliche Anbaurisiko durch Phytophthora-Befall (Tintenkrankheit) auf Grund- und Stauwasser-beeinflussten Böden zu berücksichtigen. Das Ergebnis der klimatischen Anbaueignung ist in der abschließenden Deutschlandkarte abgebildet.
Anbaueignung der Edelkastanie in Deutschland
Die Edelkastanie in Bayern – Erkenntnisse aus einem Projekt der LWF 42
Marvin Lüpke, Richard Heitz, Enno Uhl und Christoph Hübner
Trocken- und wärmetolerante Baumarten werden sehr wahrscheinlich im Wald und in der Forstwirtschaft zukünftig an Bedeutung gewinnen. Hier könnte die Edelkastanie eine wertvolle Rolle als alternative Baumart im Klimawandel spielen. Die Inventur in Bayern vergleicht den Volumenzuwachs von Buchen, Douglasien und Edelkastanien über alle Altersklassen und belegt Stärke der Edelkastanie bis zum vierzigsten Jahr. Die Edelkastanie reagiert auf extremen Trockenstress mit starkem Zuwachsrückgang, erholt sich aber zügig. Sie kommt mit einem weiten Niederschlagsbereich beginnend mit 500 mm und erreicht über 800 mm eine hohe Produktivität. Lang anhaltende Niederschläge während der Blütezeit Juni bis Juli verhindern Fruchtbildung. Nicht zu empfehlen ist die Pflanzung auf Standorten mit freiem Kalk, ebenso wenig auf schweren Tonen und Böden mit Stau- oder Grundwassereinfluss in den obersten 50-60 cm.
Ein gängiges Verfahren zur Bestandsbegründung ist die Pflanzung im Weitverband (z.B. 2 x 3m, 3 x 3m). Auch die Saat kann erfolgreich praktiziert werden, wobei eine Zäunung gegen Schwarzwild notwendig ist. Daneben können auch Tiere wie Eichelhäher und Eichhörnchen nennenswert zur Verbreitung beitragen. Die Edelkastanie wird teils verbissen, teils aber auch gefegt. Die besten Wuchsleistungen werden im Reinbestand erzielt. Aufgrund der frühen Zuwachskulmination und Lichtbedürftigkeit ist die Mischung mit anderen Baumarten waldbaulich anspruchsvoll. Saat nach der Ernte oder April/Anfang Mai (Schutz vor Schwarzwild).
Um die Risiken v.a. durch die Ringschäle gering zu halten, ist es bei der Wertholzproduktion erforderlich, den Zieldurchmesser von 50 bis 60 cm in einer möglichst kurzen Umtriebszeit (60 Jahre) zu erreichen. Dies ist nur mit großkronigen Bäumen möglich. Aufgrund der frühen Zuwachskulmination und Astreinigung muss der Kronenausbau in jungen Jahren erfolgen (60-80 Z-Bäume pro Hektar).
Das häufigste Verjüngungsverfahren in Europa ist der Stockhieb, jedoch möglicherweise erhöhte Gefahr für den Befall von Rindenkrebs, alternativ Kernwüchse. In jedem Falle ist frühzeitiges (<13 Jahre) und regelmäßiges Durchforsten geboten, um Ringschäle zu vermeiden, die häufig erst bei der Trocknung sichtbar wird.
Gallwespe und Rindenkrebs wurden in bayerischen Beständen gefunden. Die Gallwespe verursacht lediglich Wachstumsschäden und wird durch das Einwandern des Antagonisten Schlupfwespe kontrolliert werden. Bei dem gefundenen Rindenkrebs handelt es sich um aggressive Erreger, jedoch bislang ohne Hypovirulenzbefall.
Die Edelkastanie zeigt in weiten Teilen Bayerns gute Wuchseigenschaften. Durch die zu erwartenden klimatischen Veränderungen mit steigenden Temperaturen und eher gleichbleibenden Niederschlägen wird sich hierbei die Fläche der für sie geeigneten Standorte vergrößern. Die Edelkastanie fügt sich gut in die heimischen Ökosysteme ein und liefert zahlreichen Arten Lebensraum und Nahrung. Sie kann in kurzer Zeit wertholzhaltige Stämme produzieren. Das rasche Jugendwachstum und die hohe Stockausschlagfähigkeit machen die Edelkastanie interessant für den Anbau in Energieholzplantagen.
Multitalent Edelkastanie – Erkenntnisse und Erfahrungen aus dem Pfälzerwald 55
Wolfgang Warmbsganß und Hans-Peter Ehrhart
Ausgehend als wichtige Nahrungsgrundlage für römische Legionäre hat die Edelkastanie für die Menschen in der Pfalz in unterschiedlicher Weise eine große Bedeutung erlangt. Vor allem beim sog. Kammertbau lieferte die Edelkastanie das Gerüstholz zum Aufbinden der Weinreben. Seine guten Standzeiten (wg. Gerbsäure) von bis zu 20 Jahren entsprachen in etwa der Zeit des Ausschlags nach einem Stockhieb mit wiederum 15 cm Durchmesser. Erst im 20. Jahrhundert wurden die Edelkastanienpfähle zunehmend durch Pfähle aus Beton, Kunststoff oder Metall ersetzt. Bis in die sechziger Jahre hatten die Edelkastanien auch eine hohe Bedeutung als ortsnahe Brennstoffquelle. In der Folge wurde ein Baumartenwechsel zur Douglasie forstwirtschaftlich angestrebt, was aber häufig wegen der Konkurrenzkraft der Stockausschläge misslang.
Steigende Nachfrage und gute Preise machen das Rundholz aus Stockausschlag nach 30 Jahren für Waldbesitzer betriebswirtschaftlich attraktiv, auch Energieholz ist bei gestiegenen Preisen für fossile Energieträger wieder attraktiv. Regionalwirtschaftlich hat die Edelkastanie für den pfälzischen Bereich Haardt heute erhebliche Bedeutung: touristisch ist der „Keschdeweg“ in der Verbindung mit Wein und kulinarischen Angeboten mit Edelkastanien zu verschiedenen Jahreszeiten als Wandergebiet sehr beliebt; ca. 10 000 Bienenvölker (viele Wanderimker) produzieren jährlich ca. 50 000 kg „Kastanienhonig“ mit einem geschätzten Gesamterlös von ca. 500 000 Euro; die jährlichen Holzerträge für Kastanienholz liegen bei ca. 300 000 Euro.
Waldbaulich muss die Steuerung der Produktion dieser frühdynamischen Baumart unbedingt in jungen Jahren erfolgen. Werden Bestände unzureichend oder viel zu spät durchforstet weist der überwiegende Teil der Stämme über 30 cm Ringschäle auf und kann nur noch als Energieholz verwendet werden.
Kastanienrindenkrebs: Der Pilz Cryphonectica parasitica wächst zwischen Rinde und Kambrium und führt im Endstadium zu einer stammumfassenden Ringelung, die zum Absterben von Krone und Ästen oder des ganzen Stammes führt. Die Ausbreitung von hypovirulentem Myzel mindert die Pathogenität und Reproduktivität des Pilzes. Der Pilz wird durch Virenbefall so geschwächt, dass die Edelkastanie ihn erfolgreich abwehren kann.
Bei merklichem Auftreten von Kastanienrindenkrebs oder auf schlechteren Standorten birgt das Produktionsziel Wertholz ein zu hohes Risiko. Hier ist das Produktionsziel Palisadenholz eine gute Alternative. In einem 30-jährigen Umtrieb kann das begehrte Kastanienschwachholz erzeugt werden, die Pflegeeingriffe begrenzen sich auf die Entnahme schlechtgeformter Stockausschläge.
Das Holz der Edelkastanie – Eigenschaften und Verwendung 64
Klaus Richter und Gabriele Ehmcke
Die technischen Parameter werden im Vergleich mit Laub- und Nadelhölzern aufgeführt. Deutlich positiv für viele Verwendungen ist das feuchtephysikalische Verhalten einzustufen. Hierfür u.a. auch die hohen Anteile an Extraktstoffen (Tannine, pH-Wert des Kernholzes <4)), die bei Kontakt mit eisenhaltigen Metallen im feuchten Milieu zu Korrosionsverfärbungen führen. Die Wertholzproduktion der Edelkastanie muss konsequent durch Behandlungskonzepte, die an die Standort- und Klimabedingungen angepasst sind, sicherstellen, dass abrupte Zuwachsschwankungen, insbesondere in der juvenilen Wachstumsphase vermieden werden.
Die Stärkeklassen D 2b und D 3a werden zunehmend im Garten- und Landschaftsbau sowie zu Herstellung von Terrassendielen, Gartenmöbeln und für Bodenbeläge im Nassbereich geschätzt. Dank moderner Verklebungstechnologien wird die Nachfrage für weitere Verwendungen steigen. Die Stärkeklassen D 0 und D 1 werden als Rundholz nach Abfräsen des Splintholzes ohne chemischen Schutz oder Modifikationsbehandlung im Erdkontakt und Wasserbau eingesetzt. Vorteilhaft ist der rückstandslose natürliche Abbau der Biomasse am Ende der Materiallebensdauer.
Die wichtigsten Krankheiten und Schädlinge der Edelkastanie 71
Marco Conedera, Jörg Grüner, Horst Delb, Eric Gehring und Simone Prospero
Es werden die drei allesamt nach Europa importierten Hauptgegenspieler der Edelkastanie ausführlich behandelt. Die Asiatische Edelkastaniengallwespe (Erstmeldung in Europa 2002); der Kastanienrindenkrebs (Erstmeldung in Europa 1938); Tintenkrankheit (Ursprung und Erstmeldung nicht geklärt).
Die Asiatische Edelkastaniengallwespe kommt nur als sich ungeschlechtlich vermehrendes Insekt (2,5 bis 3 mm groß) vor, das eine Generation pro Jahr hervorbringt. Dieses flugfähige Insekt lebt etwa 10 Tage in den Monaten Juni bis August und legt etwa 100 Eier (0,1 mm groß) in neu gebildete Kastanienknospen, etwa 10 pro Knospe. Die Eier schlüpfen im Spätsommer oder Herbst als weißliche Larven. Erst im Moment des Austriebs im Folgejahr werden die Larven aktiv und stimulieren die Kastanie zur Bildung von 0,5 bis 2,5 cm großen glattwandigen Gallen. Im Inneren des Gallen bilden die Larven je eine Kammer, in der sie sich nach wenigen Wochen Fraß auch verpuppen, die langsam ihre Färbung von weiß nach dunkelbraun verfärben und ab Juni schlüpfen.
Die betroffenen Pflanzenteile sterben ab, der Baum reagiert mit der Bildung von Ersatztrieben, die aber erst im zweiten Jahr erneut betroffen werden können. Die Bäume können bis zu 70% ihrer Blattfläche verlieren, was zum Verkümmern trotz aller Gegenwehr der Bäume führen kann.
Als eine effiziente biologische Regulierungsmethode hat sich die Einführung eines spezifischen natürlichen Feindes, der Schlupfwespe (Torymus sinensis) bewährt. Er scheint sich in Europa natürlich auszubreiten, ist aber auch u.a. in Frankreich gezielt mit Erfolg eingesetzt worden.
Cyphonectria parasitica ist der Erregerpilz des Kastanienrindenkrebses aus Asien stammend, aber die dortigen Kastanienarten sind resistent. In den USA hat er Anfang des 20. Jahrhunderts fast die gesamten Bestände der dortigen Kastanienart vernichtet.
Biologie und Lebenszyklus des Erregerpilzes sind höchst komplex. „Cryphonectria parasitica gehört zu den Schlauchpilzen (Ascomycota). Auf der abgestorbenen Rinde eines befallenen Baumes bildet der Pilz asexuelle (Pyknidien) und/oder sexuelle (Perithezien) Fruchtkörper. In den Pyknidien entwickeln sich die asexuellen Sporen (Konidien), die bei feuchter Witterung entlassen werden. Sie dienen hauptsächlich der Verbreitung des Pilzes über kurze Distanzen und werden durch Regenspritzer oder Insekten, Schnecken und Vögel verbreitet. Die sexuellen Sporen (Ascosporen) entstehen in den Perithezien durch Interaktion der beiden Kreuzungstypen des Pilzes. Reife Ascosporen werden aktiv ausgeschleudert und vor allem durch den Wind über Distanzen bis zu einigen hundert Metern weit verbreitet. Landen Konidien oder Ascosporen auf frischen Wunden (z.B. Wachstumsrissen) einer Edelkastanie, können sie diesen Baum infizieren. Die Fruchtkörper des Pilzes entwickeln sich nicht nur auf der befallenen Rinde lebender Bäume, sondern auch auf frisch abgestorbener Rinde.“
Cryphonectrica parasitica befällt die Rinde der Edelkastanie. An der Infektionsstelle wird die infizierte Rinde rot, sinkt ein und springt nach dem Absterben auf. Der Baum versucht, das erkrankte Gewebe zu überwallen. Dadurch entwickeln sich die typischen Rindenkrebse. Im weiteren Verlauf der Krankheitsentwicklung wächst der Pilz durch die Rinde und tötet das Kambrium ab. Sobald ein sich ausbreitender Rindenkrebs den ganzen Ast oder Stamm umfasst, sterben die Pflanzenteile oberhalb der Infektionsstelle ab. Trotz Wasserreiserbildung dringt er im Wirtsgewebe weiter vor und bildet auf der befallenen Rinde die kleinen orangenen Fruchtkörper, in denen sich die Sporen entwickeln.
Aus nicht letal verlaufenden, ausgeheilten Rindenkrebsen wurden atypische C. parasitica-Stämme isoliert, die von einem Virus befallen waren. Deren Präsenz verlangsamt nicht nur das Wachstum von C.parasitica, sondern reduziert auch die Ausbildung von Konidien und unterbindet die sexuelle Fortpflanzung. Dieses Phänomen wird als Hypovirulenz bezeichnet.
Eine Beseitigung der Krankheit ist nur am Anfang eines Befalles realistisch (Äste und Bäume abschneiden und verbrennen.). Im Falle einer natürlichen Etablierung der Hypovirulenz erfolgt die Kontrolle der Ausbreitung spontan. Wo eine natürlich auftretende Hypovirulenz fehlt, ist die künstliche Ausbringung des Virus mit hypovirulenten C.parasitica-Stämmen möglich.
Die Tintenkrankheit weist folgende Befallssymptome auf: eine schüttere Belaubung der ganzen Krone mit kleineren vergilbten Blättern, Früchte bleiben klein und reifen nicht aus. An der Stammbasis sind von den Wurzeln aufsteigend unter der Rinde flammartig schwarz verfärbte Läsionen vorhanden. Es treten schwarze Rindenexudate aus. Die Infektion kann innerhalb von zwei bis drei Jahren zum Absterben eines Baumes führen.
Erreger sind zwei bodenbürtige Arten der Gattung Phytophthora (Oomyzeten). Sie bilden im Substrat ein zusammenhängendes Myzel aus fadenförmig wachsenden Zellen, außerdem produzieren sie asexuelle Zoosporen, die im Wasser beweglich sind und sich vornehmlich im feuchten Milieu ausbreiten.
Gegenmaßnahmen sind vor allem Entwässerung zur Verhinderung der Ausbreitung, Verschleppung von infizierten Böden verhindern. Ferner sind asiatische Kastanienarten weniger anfällig gegenüber der Tintenkrankheit. Hybriden aus Kreuzungen dieser Arten mit der Edelkastanie sind auf dem Markt erhältlich und könnten angepflanzt werden.
Biodiversität und waldbauliche Behandlung von Edelkastanienwäldern 82
Ernst Segatz
Die Edelkastanie wird als Tiefwurzeler mit einer Vorwüchsigkeit einer Polwurzel und erschließt unter günstigen Bedingungen mit seinem Wurzelwerk eine Tiefe von 2-3 m. Die abgeworfenen männlichen Blütenkätzchen und Blätter sind nach eineinhalb Jahren zersetzt und bilden einen nahezu perfekten Humus für ein reiches Bodenleben und eine hohe Biodiversität der Bodenorganismen.
Obwohl einhäusig ist diese Baumart auf Fremdbestäubung durch Insekten und Wind angewiesen. Die späte, Nachtfrost meidende reiche Blüte bietet Nektartracht und Honigtau-Tracht und ist eine reiche Quelle für Honig. Auch die wiederholt auf den Stock gesetzte Niederwaldkultur bietet mit viel ober- und unterirdischem Totholz (voluminöse Stöcke) optimale Lebensbedingungen für viele Pilze und Insekten. Überalterter Niederwald ist ebenfalls wegen des hohen natürlichen Totholzanteils sehr wertvoll. Mittelwaldbetrieb, d.h. man lässt einige Überhälter stehen, aber die wiederholt notwendige Freistellung erzeugt zahlreiche Wasserreiser, was die Erzielung von Wertholz beeinträchtigt. Ein Nutzungsverzicht einzelner Bäume würde einen wesentlichen Beitrag zur Biodiversität liefern. Zielorientierte hochwaldähnliche Behandlung würde mit 60 Jahren bereits die Zielgröße erreichen. Um ökologische Aspekte zu berücksichtigen müssten jedoch bewusst Teilflächen von dieser Behandlung ausgenommen bzw. „ökologische Z-Bäume“ mit Biotopstrukturen ausgewählt werden, was aber diametral zur ökonomischen Nutzung stehen würde.
Für Biodiverstät ist der Erhalt von Altbeständen und Anlage von Biotopstrukturen wünschenswert. Als wertbestimmende Merkmale für einen Biotopbaum gelten: Höhlenbäume, Totholz, Altbäume, Bäume mit besonderen Merkmalen, Bäume mit sich lösender Rinde oder Rindentaschen.
Edelkastanien weisen relativ früh bereits bei geringem Stammumfang Buntspechthöhlen auf. Besonders gern legt der Buntspecht seine Höhlen im Bereich abgestorbener Äste an, die als Folge der natürlichen Astreinigung entstanden sind. In Waldrandnähe zimmert sich der Grünspecht gerne seine Bruthöhlen in reife Esskastanien. Alte Edelkastanien weisen zudem durch das Ausfaulen stärkerer Äste entstandene, geräumigere Höhlen auf, die sehr gern vom Waldkauz angenommen werden. Edelkastanien sind, auch im Verhältnis zu Eichen, überproportional stark hinsichtlich Großhöhlen ausgestattet.
Ausführlich werden neuere Studien über „Pilze an Castanea sativa“ referiert, die zusammen mit den in synökologischem Zusammenhang stehenden Totholzinsekten die von der Edelkastanie eingenommene ökologische Nische bewerten. Ähnlich reichhaltig sind die Befunde zu Flechten auf Castanea sativa. Die Bestandserfassung der Totholzkäfer ergab insgesamt 1002 Käferarten an den vier untersuchten Standorten in Rheinland-Pfalz, je Standort waren es zwischen 278 und 571 Käferarten. Lediglich 45% der Käferarten sind an Waldbiotope gebunden, wobei ein auffällig hoher Anteil lichte Gehölzstrukturen bevorzugt.
Zusammenfassend zeigen diese Untersuchungen, dass ein verstärkter Anbau der Edelkastanie im Zuge der Klimaerwärmung der Erhaltung und Förderung seltener und gefährdeter Totholzkäfer und Artengemeinschaften dienen kann. Notwendig ist daher eine Totholzstrategie auch in bewirtschafteten Beständen, insbesondere mit Duldung von Höhlenbäumen und eine ausreichende Zahl stillgelegter Flächen.