Diese Studie ist Teil eines 2007 initiierten internationalen Forschungsvorhabens unter der Schirmherrschaft des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) „The Economics of Ecosystems and Biodiversity (TEEB)“. In Deutschland wird dies in vier Berichten umgesetzt. (Siehe: www.naturkapitalteeb.de).
Naturkapital und Klimapolitik – Synergien und Konflikte 2012
Ökosystemleistungen in ländlichen Räumen – Grundlage für menschliches Wohlergehen und nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung 2016
Ökosystemleistungen in der Stadt Gesundheit schützen und Lebensqualität erhöhen Mai 2016, (Zusammenfassung s.u.)
Naturkapital Deutschland - Neue Handlungsmöglichkeiten ergreifen i.E.
In zehn Kapiteln werden die Zustände der Stadtnatur und ihr Verbesserungspotential untersucht und aus einer ökonomischen Perspektive bewertet. Die Studie will die falsche Bewertung von Stadtnatur als Kostenträger überwinden und aufzeigen, dass Stadtnatur ein unterschätzter Leistungserbringer in der Bilanz des städtischen Raumes ist. An der Erarbeitung dieser Studie waren über siebzig WissenschaftlerInnen und Fachleute aus den einschlägigen Behörden direkt beteiligt und noch einmal drei Dutzend WissenschaftlerInnen haben die einzelnen Kapitel begutachtet. Zu jedem Kapitel gibt es ein umfangreiche Liste der verwendeten Quellen, sodass diese Studie es jedem ermöglicht, die einzelnen Themen auf der Grundlage neuester Literatur eigenständig weiter zu verfolgen.
Im ersten Kapitel werden die unterschiedlichen Elemente dessen, was Stadtnatur ausmacht, erfasst und auf die vielfältigen Leistungen der Stadtnatur verwiesen. „In diesem Bericht wird unter Stadtnatur die Gesamtheit der in urbanen Gebieten vorkommenden Naturelemente einschließlich ihrer funktionalen Beziehungen (Ökosysteme ) verstanden.“ (S.16) Vor dem Hintergrund des täglichen Flächenverbrauchs der zunehmenden Urbanisierung von immer noch täglich 100 Fußballfeldern (= 70 ha) in Deutschland, bis zur Finanzkrise 2008 waren es ca. 100 ha und häufig mehr, kommt es darauf an „möglichst umfassende Ökosystemleistungsbündel zu erhalten und zu fördern.“(S.14) Die Umsetzung einer Nachhaltigkeitsstrategie erfordert die Absenkung des jährlichen Flächenverbrauchs auf 30 ha bis 2020.
Noch stehen der Notwendigkeit, der Zersiedlung durch Ausweitung urbaner Flächen zu begegnen, politische und wirtschaftliche Interessen entgegen, weil die volkswirtschaftlich relevanten Kosten nicht bilanziert werden.
Urbane Umweltbelastungen sind sozial ungleich verteilt, eine Entwicklung, die sich ohne gezielte Gegensteuerung in der Stadtentwicklung kumulativ verstärkt. Es ist zudem absehbar, dass der Klimawandel städtische Umweltbelastungen verschärft und ausgleichende Ökosystemleistungen, d.h. Anpassung und Stärkung von Stadtnatur im Sinne einer „grünen Infrastruktur“ geboten sind. Nur qualitativ messbar sind bedeutende kulturelle Ökosystemleistungen, wie das Angebot für Kinder und Jugendliche in der Stadt mit Naturelementen zu interagieren. Übersehen wird zumeist, dass im Kontext der beschleunigten Intensivierung der Landnutzung im ländlichen Raum die Frage an Bedeutung gewinnt, “in welchem Ausmaß Städte nicht nur zu einer Gefährdung, sondern auch zur Bewahrung der biologischen Vielfalt beitragen.“ (S.18)
Im zweiten Kapitel werden die verschiedenen Dimensionen des Begriffes Ökosystemleistungen ausgeleuchtet. Regulierungsleistungen wie Klima, Hochwasser, Krankheiten, Wasserreinigung u.a.m.; Versorgungs-leistungen wie Nahrung, Trinkwasser, Brennstoffe, Holz und Fasern u.a.m.; kulturelle Leistungen wie Erholung, Bildung, Ästhetik u.a.m. werden methodisch in Hinblick bisher verfügbare Verfahren der Erfassung und Bewertung untersucht. Die Umstellung der öffentlichen Haushalts-führung von der Kameralistik auf doppelte Haushaltsführung hat erstmals zu einer, freilich sehr unvollständigen Bewertung kommunaler Grünflächen geführt. Stadtnatur ist Teil der kommunalen Daseinsvorsorge und wird „vonseiten der Planung seit Langem als Katalysator für die Aufwertung von Stadtquartieren betrachtet.“ (S.40) Aber viele wichtige Ökosystem-leistungen sind nicht so direkt messbar wie Immobilienpreise. Der aktuelle Forschungsstand zur Messung von Ökosystemleistungen wird übersichtlich in einer Tabelle „Sozial-ökologische Indikatoren zur Erfassung und Bewertung urbaner Ökosystemleistungen“ (S.44) dargestellt.
„Stadtnatur fördert gute Lebensbedingungen“ ist das dritte Kapital überschrieben. Zunächst werden die Ursachen für die Entstehung des besonderen Klimas in versiegelten urbanen Räumen, einschließlich der Entstehung sog. Wärmeinseln im Vergleich zum Umland sehr gründlich analysiert und klimarelvante Ökosystemleistungen durch Stadtnatur benannt. (S.56f.)
- Erhöhung des thermischen Komforts (Reduktion thermischer Extreme)
- Reduktion von Hitzestressrisiken (Schattenwurf und Verdunstungskühlung am Tage, Kaltluftproduktion in der Nacht)
- Reduktion von Kältestressrisiken (Verringerung der Windgeschwindigkeit, die bei Kälte zur Auskühlung beiträgt)
- Senkung hitzebezogener Erkrankungs- und Sterberaten im Sommer (insbes. Herz-Kreislauf- und Atmungssystemerkrankungen)
- Reduktion durch ultraviolette Strahlung ausgelöster Gesundheitsrisiken (Schattenwurf am Tage und Absorption von UV-Strahlung)
- Reduktion des Heizenergiebedarfs im Winterhalbjahr (Isolierung durch grüne Gebäudehülle)
- Reduktion des Gebäudekühlbedarfs im Sommerhalbjahr (Isolierung durch grüne Gebäudehülle)
- Reduktion temperaturbedingter Schäden an Gebäuden und Infrastruktur (Isolierung durch grüne Gebäudehülle)
- Erschließung zusätzlicher freizeitlicher/touristischer Potenziale (Schattenwurf in Straßen und Parks)
- Erhöhung der Arbeitsproduktivität durch Senkung der thermischen Belastung
Klimafunktionskarten verschiedener Städte belegen die Bedeutung von Freiräumen und deren Vegetationsausstattung sowie freigehaltenen Kaltluftbahnen zum Umland.
Wichtig ist ferner der Beitrag zum Klimaschutz durch Stadtnatur. Pflanzen und Böden in Städten binden das Treibhausgas Kohlenstoffdioxid (CO2). Dach- und Fassadenbegrünung steigern die Energieeffizienz und mindern so indirekt Treibhausgase. Gestaltung und Pflege von Stadtnatur können im Hinblick auf Klimaschutz konzipiert werden. Hierzu werden unterschiedliche Pflegetypen im Hinblick auf ihre Treibhausgasbindung bewertet. Schließlich wird auf eine für Laien überraschende Synergie verwiesen. Die Kühlung durch Verdunstung von Gebäudebegrünung (Dach und Wände) führt zu höheren Wirkungsgraden von aufgeständerten Photovoltaikanlagen.
Dass Stadtnatur zur Reduzierung von Luftschadstoffen beiträgt wird umfassend dokumentiert. Die Bedeutung dieses Aspektes wird deutlich, wenn man zur Kenntnis nimmt, dass „90 % der Stadtbewohner Europas Luftschadstoffen ausgesetzt sind, die über den WHO-Richtwerten liegen.“(S.71) „In Deutschland verursacht die Belastung mit Feinstaub pro Jahr ca. 47.000 vorzeitige Todesfälle sowie eine große Anzahl behandlungsbedürftiger Herz- und Atemwegserkrankungen.“(S.71) Neuere Forschungen haben ergeben, dass Bäume in der Stadtnatur alleine den Feinstaub nicht binden, denn er wird vom Regen wieder abgewaschen, daher „ist die Gestaltung der Bodenoberflächen mit krautigen Pflanzen unterhalb von Bäumen von besonderer Relevanz.“(S.75) „Durch eine bewusste Gestaltung von Stadtnatur können die Ökosystemleistungen zur Lufthygiene besonders unterstützt werden.“(S.76) „Krautige Pflanzen wie Beifuß, Gänsefuß, Schafgarbe oder Löwenzahn tragen nachweislich zur Reduktion der Staubbelastung bei.“(S.76) Schließlich ist bei Stadtgrün auf geringes Allergiepotenzial zu achten.
Lärm im urbanen Raum führt zu Beeinträchtigungen des Wohlbefindens, er kann aber auch schwerwiegende gesundheitliche Auswirkungen haben.(S.81) Stadtnatur mindert Lärm, findet aber noch zu wenig Berücksichtigung bei Maßnahmen zur Minderung des Lärm, etwa nackte Schallschutzwände. Immobilien preisen die Lärmbelastung ein, aber es gibt noch zu wenige andere Indikatoren, die ein ökonomische Bewertung der Lärmminderung durch Stadtgrün ermöglichen.
Im fünften Abschnitt wird die Bedeutung funktionsfähiger Böden und Gewässer in urbanen Räumen thematisiert. „Böden und Wasser sind die Grundlagen des Lebens, auch in Städten.“(S.86) Der Verstädterungs-prozess stört Böden nachhaltig oder zerstört Böden gänzlich, die tausende von Jahren für ihre Entstehung benötigt haben. 13,5 % der gesamten Fläche Deutschlands werden bereits für Siedlungen und Verkehrswege genutzt. „Im Hinblick auf das Stadtklima sind Böden eine wesentliche Energieumsetzungsfläche... Die Böden nehmen die kurzwellige Sonnenstrahlung auf, erwärmen sich und geben dann die überschüssige Energie in Form von Wärmestrahlung und durch Verdunstung von Bodenfeuchte wieder ab. Eine Bodenversiegelung wirkt diesem abkühlenden Effekt entgegen und verstärkt die Überwärmung der Städte.“ (S.87) „Offene Böden ermöglichen die Versickerung des Niederschlags und den Rückhalt von Hochwasser und entlasten so das Kanalisationssystem.“ (S.86)
Der, auch wirtschaftlich messbare, Nutzen durch „grünes“ Regenwassermanagement, grüne Infrastruktur und Entwicklung naturnaher Gewässer wird anhand konkreter Beispiele anschaulich belegt und aufgezeigt, welche Synergien sich aus dem Zusammenspiel verschiedener Maßnahmen ergeben.(S.90-95)
Das vierte Kapitel lautet „Stadtnatur fördert Gesundheit“. Die Parameter Klima, Temperatur und Lärm stellen potenzielle Belastungsfaktoren für die Stadtbevölkerung dar, deren Intensität sich in erhöhten Krankenständen und Sterbefällen abbildet. Viele in diesem Abschnitt referierte Studien aus der vielen Teilen der Welt verweisen darauf, wie der Gesundheitsstatus und das Wohlbefinden der Stadtbevölkerung konkret durch sozial-ökologische Gestaltung der Stadträume verbessert werden kann. Besondere Beachtung findet hierbei die ungleiche soziale und räumliche Verteilung von Umweltbelastungen. In diesem Kapitel finden sich auch zahlreiche empirisch belegte Hinweise auf einzelne Probleme, die bei der Planung stadträumlichen Grüns berücksichtigt werden können. Hierzu zählt der Befund, dass für 90 % der durch Pollen ausgelösten Allergien nur eine relativ geringe Anzahl von Pflanzenarten verantwortlich ist. Daher sollte bei Pflanzungen in der Stadt das Allergiepotenzial von Bäumen und Sträuchern beachtet werden. Ungefährlich sind zum Beispiel Ahorn, Weißdorn, Rotdorn und Apfelbaum.(S.112) Beeindruckend sind die empirischen Befunde zur positiven Wirkung von Frischluftschneisen in städtischen Räumen auf Sterblichkeit in Hitzeperioden.(S.113) Wichtig ist ebenfalls der Befund, dass der Kühlungseffekt durch Wasserflächen deutlich höher (Faktor 2,5) als durch Grünräume ist.
Zentrales Ziel der Stadtentwicklung sollte es sein, Städte durch eine hohe urbane Lebensqualität gesundheitsförderlich zu gestalten. Dem steht entgegen, dass öffentliches Grün von den Kommunen aufgrund der erforderlichen Pflegemaßnahmen häufig ausschließlich als Kostenfaktor gesehen wird und der volkswirtschaftliche Gewinn nicht bilanziert wird.
Das fünfte Kapitel ist „Stadtnatur fördert sozialen Zusammenhalt“ überschrieben. Städte erleben einen Strukturwandel, den Übergang zur postindustriellen Stadt mit Chancen einer „Renaissance der Städte“ dank zahlreicher Flächen, die als Folge von Konversionsprozessen von Industrie, Militär, Transport und Gewerbe verfügbar werden. Das Urban Gardening ist ein sich entfaltender sozialer Prozess, der Gemeingüter bildet und der zunehmenden Privatisierung und Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes entgegenwirkt.(S.131) Der aktuelle Stand, einschließlich der soziologischen Veränderungen bei den historischen Kleingärten, wird anhand von zahlreichen Beispielen detailliert beschrieben.
Die dem Kapitel vorangestellten Kernaussagen lauten:
Urbane Grünräume bieten zentrale Beiträge zur Umweltgerechtigkeit, weil sie Naturzugang für alle schaffen, Teilhabe ermöglichen und als Begegnungsstätten für Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen fungieren.
- Stadtgrün trägt zu einer produktiven Raumgestaltung in schrumpfenden Städten bei.
- Städtische Grünräume sind wichtige Orte für die Suche nach Ruhe, Licht, Abkühlung und guter Luft.
- Stadtnatur ermöglicht Naturerfahrung und –erlebnisse und trägt damit zur Sensibilisierung der Menschen für Natur bei.
- Urbane Grünräume fungieren als Experimentierräume für Fragen nach dem „guten Leben“ mit weniger Ressourcenverbrauch und damit auch als Aushandlungsorte für umweltethisches Handeln.
- Stadtgrün, z.B. in Form von Parks, ist Treffpunkt für Spiele, Sport und Bewegung und schafft damit für die Bewohnerinnen und Bewohner Identifikation mit ihrer Stadt bzw. ihren Wohnquartieren.
- Bei der Auswahl und Gestaltung von Grünanlagen in städtischen Gebieten ist auf gerechten Zugang für einen möglichst breiten Bevölkerungskreis zu achten.
Kapitel sechs behandelt „Naturerleben, Naturerfahrung und Umweltbildung in der Stadt“. Naturerfahrungsräume, grüne Lernorte und urbane Wildnis sind wesentliche Elemente der Stadtnatur. Ihre Bedeutung besonders für Kinder und Jugendliche als eigenverantwortlich erfahrbare Erlebnisräume und als kulturelle und soziale Lebensräume wird unterschätzt. Dies gilt insbesondere für urbane Wildnis z.B. auf Brachflächen, deren Ökosystemleistungen und Funktion als informelle Naturerfahrungsräume angesichts zunehmender Verdichtung urbaner Räume ignoriert werden. Das Kapitel stellt ein breites Spektrum städtischer Naturerfahrungsräume vor, die Anregung geben, die Erhaltung entsprechender Liegenschaften gegen Verdichtung zu verteidigen.
Kapitel sieben ist „Stadtnatur versorgt“ überschrieben. Drei Bereiche werden thematisiert, urbane Landwirtschaft und Eigenversorgung, Regulierungs-leistungen für die Trinkwasserversorgung und Ökosystemleistungen des Stadtwaldes. Es werden wichtige Untersuchungen zur Umweltbelastung des „Urban Gardening“ referiert und Hinweise gegeben, was man bei den gegenwärtigen Belastungen mit Blei und Cadmium beim Gärtnern in der Stadt berücksichtigen muss. Gleiches gilt für die Trinkwasserversorgung, die häufig im Stadtgebiet selbst u.a. wegen massiver Versiegelung nicht erbracht werden kann. Die Erläuterung des breiten Spektrums von Ökosystemleistungen erlaubt es jeweils eine integrative Management-strategie für Stadtwälder zu entwickeln. Weiterhin liefert dieses Kapitel verschiedene Ansätze zur monetären bzw. quantitativen Bewertung von Ökosystemleistungen in diesen drei Bereichen.
Kapitel acht erläutert die Bedeutung von „Stadtnatur als Standortfaktor“. Bislang sind zu wenige Studien über Preise von Immobilien und Grundstücke verfügbar, die den Zusammenhang mit Stadtgrün herstellen. „Neben der eigentlichen Bedeutung städtischer Grünflächen als öffentliches Gut wird deutlich, dass sich die Systemleistungen öffentlicher Grünflächen meist in privaten Grundstücken kapitalisieren.“(S.197) Das bauplanungsrechtliche Instrumentarium erlaubt zwar die Anlage von Grünflächen auf die Erwerber des Nettobaulandes umzulegen. Aber dieses Instrumentarium ist seit Jahren überarbeitungsbedürftig. Es müsste u.a. die Instandhaltung der Grünflächen über die Grundsteuer abgedeckt sein. Denn andernfalls wirkt die städtische Pflege von Stadtgrün als eine mittelbare Subvention der Immobilienbesitzer.
Umfangreiche Stadtnatur macht eine Stadt als Unternehmensstandort und als Anziehungspunkt für Touristen attraktiv, was im Rahmen des Wandels zur post-industriellen Stadt ein wichtiger Wettbewerbsfaktor ist. Förderlich kann dabei die Kooperation von kommunalen Entscheidungsträgern und Unternehmen sein. Die zahlreichen Beschreibungen von gelungenen naturnahen Umwandlungen industrieller Landschaften bieten vielfältige Anregungen, urbane Lebenswelten attraktiv zu gestalten.
Das neunte Kapitel beschreibt „Wege zur Umsetzung – Integration von Ökosystemleistungen in Entscheidungen der Stadtentwicklung“. In diesem umfangreichen Kapitel wird noch einmal komprimiert das gesamte Spektrum der wichtigsten Ökosystemleistungen benannt. „Der Ökosystemleistungsansatz kann ein Mittel darstellen, um die Bedeutung von Stadtnatur sowie ihrer Erhaltung und Entwicklung für die Menschen in der Stadt deutlicher zu kommunizieren, als dies bisher in der Planungs-praxis der Fall ist. Der Wert von Ökosystemleistungen kann dabei mit verschiedenen Methoden dargestellt werden, zu denen qualitativ oder quantitativ beschreibende ebenso wie monetäre Berechnungen gehören.“(S.217) Allerdings besteht noch erheblicher Forschungsbedarf, um möglichst alle methodischen und instrumentellen Fragen in der Planungspraxis zu lösen. Diese erweiterte Sichtweise führt zu neuartigen Steuerungsinstrumenten, die ökonomische Anreize setzen können, um vor allem zu einer Verringerung der Flächeninanspruchnahme durch Siedlungs- und Verkehrsflächen zu gelangen.
Anhand von Beispielen wird gezeigt, wie in kleinen Schritten der Wert von urbanen Ökosystemleistungen Eingang in Stadtentwicklungskonzepte findet. Der Bürgerbeteiligung kommt dabei eine zentrale Rolle zu. Dieses Kapitel erfüllt die Funktion eines fundierten Handbuchs zur Mobilisierung und Qualifizierung von Bürgerbeteiligung bei der Stadtentwicklung. Die Berücksichtigung von Ökosystemleistungen bei der Landschaftsplanung macht deutlich, dass es „nicht in erster Linie oder gar ausschließlich um Lebensraum für Tiere und Pflanzen, sondern auch um den Lebensraum von Menschen geht.“(S.238) Ein anderes Beispiel ist der Trinkwasser-schutz, bei dem der Vergleich von Kosten und Nutzen durch extensive Landwirtschaft einerseits und technischer Trinkwasseraufbereitung andererseits ermittelt wird. Große Bedeutung kommt der Vermeidung von verbreiteten Fehlanreizen zu, die zu einer ständigen Ausdehnung stadtnaher Siedlungs- und Verkehrsflächen führen. In erster Linie ist es ein Wettbewerb um kommunale Einnahmen, der den Flächenverbrauch befeuert. Die vielfältigen Fördermöglichkeiten die Stadtnatur voranzubringen, werden benannt und schließlich wird sogar eine Änderung der Gebührenordnung für wirtschaftlich bedrohte Friedhöfe diskutiert, um den Erhalt dieser bedeutenden Grünflächen im urbanen Raum zu sichern. Jede Initiative, sich an Diskursen über die Stadtentwicklung zu beteiligen, wird durch die Lektüre dieses Kapitels profitieren und sich im Gestrüpp vielfältiger, konkurrierender Interessen und zumeist überholten baurechtlichen Regulierungen besser zurechtfinden.
Das zehnte abschließende Kapitel „Fazit und Handlungsempfehlungen“ formuliert das zentrale Ziel dieser Studien. Sie wollen aufzeigen, „wie Stadtnatur auf vielfältige Weise zu einer nachhaltigen, sozial und ökologisch verträglichen Stadtentwicklung und damit zu erfolgreichen und attraktiven Städten beitragen kann.“(S.269) Die Kenntnis der Leistungen der Stadtnatur und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung ist notwendig, um sie „bei Entscheidungen zur Stadtentwicklung und zum Einsatz öffentlicher und privater Ressourcen berücksichtigen zu können.“(S.269) Bei der Anpassung der städtischen Infrastruktur an den Klimawandel zeigt das Beispiel Kopenhagen, dass naturbasierte Lösungen bei einem systematischen Vergleich mit anderen Lösungen aus betriebs-wirtschaftlicher, vor allem aber aus volkswirtschaftlicher Sicht effizienter sind.(S.275) Gleichzeitig wird aber darauf verwiesen, dass die derzeitige hoheitliche Struktur zwischen Kommunen, Ländern und dem Bund nicht geeignet ist, die anstehenden Aufgaben ohne Veränderungen zugunsten von Kommunen u.a. bei den kommunalen Finanzausgleichssystemen zu lösen.
4. August 2016 Peter Lock