Vorgeschichte
Zur Geschichte dieser Baumart
Eigenschaften, Wachstum und Sorten
Mögliche Standorte für Edelkastanien (Castanea sativa) in Norddeutschland
Edelkastanien ein Beitrag für Biodiversität – Bienenweide und Insekten
Mögliche Probleme bei einer Pflanzung von Edelkastanien
Pflanzung von Castanea sativa in Norddeutschland als kleiner Baustein für eine „enkeltaugliche“ Lebenswelt
Die gegenwärtig vorherrschenden Entwicklungspfade in Norddeutschland verheißen keine „enkeltaugliche Lebenswelt“. Die ländlichen Bereiche werden zunehmend von agrarindustriellen Monokulturen geprägt. Bodenpreise und Pachten steigen rasant, vernichten bäuerliche Existenzen und machen erwerbswirtschaftlichen Streuobstanbau unmöglich. Die urbanen Bereiche und die Verkehrsinfrastruktur versiegeln bislang kaum gebremst fortwährend große Flächen. Auf der Suche nach Wegen wie wir Pomologen heute zumindest kleine Beiträge für eine enkeltaugliche Lebenswelt leisten können, hat die Landesgruppe Schleswig-Holstein/Hamburg in einer ersten Dokumentation von Obstbäumen in Hamburg (https://www.pomologen-verein.de/fileadmin/user_upload/Landesgruppen/SH-HH/UrbanPomDoku.pdf) mit dem Begriff UrbanPom (Joachim Reinig) angestoßen, dass es viele Möglichkeiten gibt, unsere verdichtete urbane Lebenswelt schon heute mit Obstgehölz „grüner und essbar“ zu machen, die Lebensqualität zu erhöhen und die agrarindustriell massiv gefährdete Biodiversität zumindest in der Stadt fördern. Inzwischen liefert die Landesgruppe auf Plakat und Faltblatt Sortenempfehlungen für Obstgehölz zur Pflanzung in urbanen Bereichen.
Zusätzlich angestoßen durch das prognostizierte Absterben der weißblütigen Rosskastanie in weiten Teilen Norddeutschlands, eine viele Stadtbilder prägende Baumart, habe ich mich mit Hartschalenobst als mögliche Ersatzpflanzung für diese Rosskastanien beschäftigt. Ein ausführliches Studium der verfügbaren Literatur zu Edelkastanien (Castanea sativa) hat zu einer umfassenden Empfehlung zur Pflanzung dieser Baumart in weiten Teilen Norddeutschlands geführt, die in Kreisen einiger Naturschützer mit teilweise sehr grundsätzlichen Argumenten bislang abgelehnt wird. Mit diesem Beitrag möchte ich auf diese Ablehnung genauer eingehen, auch weil ich mich ursprünglich ebenfalls an der in populären Baumbüchern vertretenen Zuweisung dieser Baumart zu dem sog. Weinbauklima orientiert hatte. Selbst aufgewachsen im Weinbauklima entsprach dies meiner Beobachtung.
Aber ich begann, Berichten über vereinzelt in Hamburg bestens wachsende und fruchtende Edelkastanien nachzuspüren. Auf dem Ohlsdorfer Friedhof befinden sich nachweislich bis hundert Jahre alte Bestände, die regelmäßig fruchten und von Anwohnern begeistert gesammelt werden. Das Straßenbaumkataster Hamburgs weist 90 Standorte für Castanea sativa aus. Östlich des Schweriner Sees entlang einer Landesstraße bei 19067 Buchholz sind Edelkastanien nach der Wende gepflanzt worden und werden dort von Anwohnern freudig gesammelt. Im Osten Brandenburgs bietet die Stiftung August Bier im Sauener Wald forstlich anerkanntes Saatgut für Castanea sativa aus den lokalen Beständen an und betreibt in der dortigen Baumschule die Auslese geeigneter Sorten. Forstwirte in Niedersachsen berichten, dass sie vor allem an Waldrändern Castanea sativa mit gutem Erfolg pflanzen.
Die umfassende Auswertung der Literatur zu dieser Baumart (Liste siehe: http://www.peterlock.de/literatur-zur-castanea-sativa) hat vor allem ergeben, dass der von mir gesuchte Nachweis der Klimaeignung in Norddeutschland nicht notwendig war, denn umfangreicher Anbau mit verschiedenen Zielsetzungen in vergleichbaren Klimazonen wird ausführlich in der Fachliteratur dokumentiert. Das französische Handbuch zur forstwirtschaftlichen Nutzung der Castanea sativa: Bourgeois et al., Le châtaignier-un arbre, un bois, Paris 2004, gibt detaillierte Anleitungen zum Anbau dieser Baumart mit unterschiedlichen wirtschaftlichen Zielen, die auch in Norddeutschland anwendbar sind.
Die Veröffentlichung der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft zum Baum des Jahres 2018 (LWF Wissen 81 Beiträge zur Edelkastanie) bestätigt die Literaturbefunde voll umfänglich. Auf einer Deutschlandkarte zur klimatischen Anbaueignung der Edelkastanie (S.38) sind Hamburg und Niederelbe mit sehr gut und der größte Teil Norddeutschlands mit gut markiert.
Man bezeichnet die Castanea sativa (Edelkastanie, auch Esskastanie) als Archeophyt, d.h. diese Baumart hat ihren Ursprung in Asien, ist aber in frühester Zeit nach Europa gekommen und massiv in der Römerzeit in Europa innerhalb des Limes als Nahrungsmittel und Baumaterial weit verbreitet worden. Voreiszeitliche Samenfunde dokumentieren das Vorkommen dieser Baumart in ganz Europa. Aber nördlich der Alpen war Europa mit Eis bedeckt war und alle Bäume ausgelöscht. Diese Baumart verjüngt sich im Nahbereich natürlich, Eichelhäher und Nager erweitern diesen Bereich nicht unerheblich. Insgesamt aber sind heute die Bestände an den verschiedensten Orten in Europa jeweils das Produkt von Pflanzungen sowohl als Nahrungsmittel als auch als Nutzholz, also anthropogenen Ursprungs und nicht primär das Produkt natürlicher Ausbreitung. Daher auch überall dort, wo sie heute als „gebietseigen“ wahrgenommen wird, wurde sie mit einer wirtschaftlichen Zielsetzung eingebracht und hat sich nach Wegfall der ursprünglichen Verwendung häufig durch natürliche Verjüngung erhalten. Fast alle Biotope, die als Naturschutzgebiete bewahrt werden, sind historisch genauer betrachtet, Kulturfolgebiotope. Die heutige Ausprägung der stark gefährdeten Biodiversität ist das Produkt menschlicher Nutzung natürlicher Ressourcen und Umgang mit der Natur. Beispiele für das heutige Vorkommen der Castanea sativa illustrieren das.
Seit dem frühen Mittelalter bildete in Frankreich das Eichenholz das Baumaterial des Adels, während das Holz der Castanea sativa das Baumaterial der Armen war. Mit dem langsamen Wachstum der Bevölkerung im frühen Mittelalter entwickelten sich die Esskastanien zu einem wichtigen Grundnahrungsmittel bis in Bergregionen in der Schweiz und Frankreich sowie Spanien, nicht zuletzt weil der Kalorienertrag durch Auslese ertragreicher Sorten pro Hektar deutlich höher als bei Getreide war. Erst mit der Einführung von Mais, Kartoffeln und der Steigerung der Getreideproduktivität durch Mineraldünger im 18. und 19. Jahrhundert verlor die Edelkastanie an Bedeutung als Grundnahrungsmittel. In Italien ist heute auch die Lebensmittelproduktion vor allem für mediterrane Gerichte, aber auch für Konfiserie noch von Bedeutung. Lediglich eine steigende Zahl Liebhaber sammeln andernorts im Herbst Maronen. Im Internet wird das verloren gegangene Wissen der Zubereitung umfänglich vermittelt. Im aktuellen Sortiment veganer Lebensmittel findet sich inzwischen wieder Kastanienmehl, was auf eine Renaissance der Edelkastanie hindeutet.
Gleichzeitig gewann jedoch die Castanea sativa für andere, sehr unterschiedliche Zwecke an Bedeutung. Anbau von Wein und Castanea sativa bedingten einander bis ins 20. Jahrhundert, Stecken im Kurzumtrieb zum Aufbinden des Weins und Holz zur Herstellung von Fässern. In Frankreich stand mit regional unterschiedlichen Schwerpunkten sehr früh auch die forstwirtschaftliche Nutzung im Vordergrund, der Anbau wegen des hohen Brennwertes im Kurzumtrieb für die vorindustrielle Verhüttung von Erzen und Gewinnung von Gerbstoffen. Stammholz diente der Möbelherstellung, dem Hausbau, auch und Schiff- und Hafenbau und heute vor allem dem Lawinenschutz. Ab der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde die Edelkastanie in Großbritannien zur Gestaltung aristokratischer Parkanlagen, selbst in Schottland und Irland, eingesetzt, die auf dem europäischen Kontinent Nachahmung fanden (z.B. Fürst Pückler Park in Bad Muskau). Im 19. Jahrhundert wurde der Cider (Apfelwein) in England als populäres Getränk von Bier abgelöst. Der damit verbundene Hopfenanbau hat zu großflächigem Anbau im Kurzumtrieb von Castanea sativa für die benötigten Kletterhilfen geführt. Der Bedarf an Telegraphenmasten wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einem bedeutenden Exportartikel in Italien. Heute gewinnt das Holz der Edelkastanie verstärkt wieder an Bedeutung, weil es unbehandelt im Freien eingesetzt werden kann und dank der enthaltenen Gerbstoffe von eichengleicher Dauerhaftigkeit ist. Es wird für Staketenzäune und Holz im Außenbereich eingesetzt, weil es im Gegensatz zu anderen Hölzern, die im Außenbereich chemisch behandelt werden müssen und bei Entsorgung Sondermüll bilden, unbehandelt bleibt.
Größere Bestände in Deutschland befinden sich linksseitig des Oberrheins in Fortsetzung der elsässischen Bestände, die überwiegend auf die Niederwaldkulturen zur Versorgung des Weinbaus mit Stecken bis Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zurückgehen. Ferner gibt es in Deutschland weit verstreut Bestände, die auf gutsherrliche Pflanzungen, oft als Alleen, zurückgehen. Die im Zusammenhang mit dem Streben nach autarker Lebensmittelversorgung des NS-Regimes 1943 erschienene Studie „Nussbau in allen Lagen“ von Könemann berichtet von Edelkastanienplantagen in Danzig und Vorkommen selbst im Baltikum. In der DDR sind in Sachsen forstwirtschaftliche Pflanzungen angelegt worden, die in einer Diplomarbeit (Anders 2010) positiv bewertet wurden.
Da alle heute in Europa vorfindlichen Vorkommen anthropogener Natur sind, d.h. sie gehen auf Anbau mit unterschiedlichen Zielsetzungen zurück, ist es nicht möglich in Europa eine Zone natürlicher Ausbreitung abzugrenzen. Potentiell möglicher Anbau wird daher durch die Ermittlung klimatischer Anbaueignung in Verbindung mit verträglichen Bodeneigenschaften bestimmt (Thurm 2018). Allerdings sind auch in Norddeutschland in den letzten Jahrzehnten vor allem viel pflegeleichtes und immergrünes, nicht „gebietseigenes“ Gartengehölz und ertragreiches fremdes Forstgehölz eingeführt worden, obwohl sie als Neophyten keinen Beitrag zur Förderung der Biodiversität leisten, entomologisch und in Hinblick auf die Bodenkultur Fremdkörper bleiben. Dies begründet Strategien in Naturschutzverbänden ausschließlich die Pflanzung von „gebietseigenen“ Pflanzen zu fördern, die gleichwohl das Ergebnis von vielen aufeinander folgenden menschlichen Eingriffen in die Natur ihres jeweiligen Lebensraumes sind. Gleichzeitig aber ist es grundsätzlich notwendig, die Realität des Klimawandels beim Bemühen um „Naturschutz“ und Rettung von Biodiversität in den Blick zu nehmen. Hilfreich ist dabei die Bewertung von Eigenschaften von Baumarten, die von der Technischen Universität Dresden (Prof. Roloff) umfassend auf der Internetdatenbank (https://citree.de) Gehölze für urbane Räume zugänglich sind.
Castanea sativa gehört zu den Buchengewächsen (Fagaceae) und ist relativ nahe verwandt mit Eichen (Quercus). Die Rosskastanie (Aesculus hippocastanum) ist hingegen botanisch nicht mit der Edelkastanie verwandt. Sie kam erst im 17. Jahrhundert nach Europa und erhielt ihren Namen wegen der Ähnlichkeit der Nüsse. Sie fand vor allem als attraktive Parkpflanze weite Verbreitung, die zudem Futter für Wild und Pferde lieferte.
Nördlich der Alpen blühen die Edelkastanien Ende Mai und Anfang Juni. Auffällig sind die männlichen Blütenstände, bis zu 25 cm lange, kerzenartig aufrechte bis hängende Kätzchen, an denen perlschnurartig aufgereiht die einzelnen kleinen weißen Blüten hängen. Die weiblichen Blüten sind dagegen unscheinbar und umgeben vom Fruchtbecher. Die Befruchtung erfolgt durch Insekten, vor allem Bienen, aber auch durch Windbestäubung bei trockener Witterung über weite Entfernungen. Aufgrund der vergleichsweise späten Blüte sind Edelkastanien eine begehrte, pollenreiche Bienentrachtpflanze, die darüberhinaus, im Vergleich zur Rosskastanie, einen außerordentlichen Beitrag vor allem zur entomologischen Biodiversität (Segatz 2013) leistet. Die Gefährdung der Fruchtbildung durch Spätfröste hat nach Auskunft mehrerer Baumbesitzer bzw. regelmäßig Erntender in Hamburg nicht zu Ernteausfällen geführt.
Die Edelkastanie ist ein bis 35 m hoher sommergrüner Laubbaum, der 400 bis 500 Jahre alt werden und einen Brusthöhendurchmesser von 3 m erreichen kann. Er bildet im Freistand eine tief angesetzte weit ausladende Krone und ist mit zunehmendem Alter sehr lichtbedürftig. Sie bildet eine tiefgehende, kräftige Pfahlwurzel mit senkerartigen Seitenwurzeln. Sie bevorzugt tiefgründige, gut drainierte, saure bis neutrale Böden und meidet kalkhaltige Substrate.
Die außerordentliche Wiederausschlagfähigkeit begründet die Kurzumtriebskulturen, die in Frankreich teilweise seit 200 Jahren häufig auf der gleichen Fläche betrieben werden. Das Wachstum in den ersten Jahren ist sehr groß, sodass bestimmte Buscharten im Verbund mit aufwachsenden Kastanien einen Verbissschutz bilden, ohne das Wachstum der Edelkastanie zu beeinträchtigen. In bayerischen Testplantagen für Kurzumtrieb (Energieholz) sind auch Castanea sativa in jüngerer Zeit gepflanzt worden, die bestens angewachsen sind, aber erst in Zukunft bewertet werden können (Auskunft von Dr. Burger, LWF).
Der Auslese fruchtragender Sorten folgend ist die vegetative Vermehrung heute die Regel, um Maronen zu ernten, während man bei der forstwirtschaftlichen Nutzung möglichst regional bewährte Sorten bzw. deren Sämlinge bevorzugt (Bourgeois 2004). Eine forstwirtschaftliche Pflanzung ist sehr ertragreich, denn eine weitgehend eichenholzgleiche Qualität (Brennwert, Haltbarkeit des unbehandelten Holzes aufgrund der enthaltenen Gerbstoffe, problemlose Verarbeitung) und Menge wird im Vergleich zur Eiche in etwa der Hälfte der Zeit erzielt. Je nach Verwendung erfolgt der Umtrieb nach 30 Jahren und maximal 60 Jahren. Bei älteren Bäumen besteht verstärkt das Risiko der Ringschäle.
Die bei Einzelbeständen in Norddeutschland gelegentlich beobachtete Ernte kleiner minderwertiger Maronen wird häufig vermeintlich nicht-geeignetem Klima zugeschrieben, ist aber eher der Wildform noch sehr nahe und wenig selektierter Saatgut-Herkunft des Sämlings geschuldet, während veredelte Sorten, die inzwischen auch von Baumschulen in der Region angeboten werden, auch in Norddeutschland nach nur wenigen Jahren ausgezeichnete Maronen liefern, wenn er jährliche Niederschlag mehr als 500 mm beträgt. Für die Gestaltung des urbanen Stadtgrüns ist es von Interesse, dass es Sorten mit unterschiedlichen Wuchsformen, darunter auch eher buschartige Kastanien (z.B. Vincent van Gogh) gibt, die für die Gestaltung öffentlicher Parks interessant sein können.
Über 3000 weißblütige Rosskastanien (Aesculus hippocastanum) auf öffentlichen Flächen in Hamburg sind schwer geschädigt (Miniermotte und Pilze) und müssen in den nächsten zehn Jahren ersetzt werden. Da das Stadtgebiet Hamburgs im Hinblick auf klimatische Anbaueignung von Edelkastanien (Castanea sativa) als sehr gut und gut ausgewiesen ist, können Edelkastanien als Ersatz gepflanzt werden. Die Gestalt beider Baumarten machen sie zu einem sehr attraktiven Element im Stadtgrün. Sie werfen vergleichbare Früchte ab, daher werden die Ersatzpflanzungen mit Edelkastanien einen vollen Ersatz im Stadtgrün bilden und zudem die Stadt ein wenig essbar machen. Vor allem die immer zahlreicher werdenden “landflüchtigen Imker“ werden sich über die reichen, lange blühenden Bienenweiden freuen. Aber zusätzlich zu den Ersatzpflanzungen für die Rosskastanien gibt es schwach, eher buschartig wachsende Edelkastaniensorten, die als sehr dekorative Elemente in die großen Parks in der Stadt eingebracht werden können, nachdem nunmehr die klimatische Eignung dieser Baumart geklärt ist. In London kann man die stadtgeeignete Schönheit dieser Baumart in Vorgärten, Parks und als Straßenbegleitbäume besichtigen, die es in Hamburg nunmehr zu schaffen gilt. Andere Städte in Norddeutschland sind ebenfalls von Krise der Rosskastanie betroffen, sodass sich auch dort Ersatzpflanzungen mit Castanea sativa anbieten und z.B. in Lübeck bereits praktiziert werden.
Generell als flächige Abgrenzung mit Schallschutzwirkung und als Feinstaubfilter eignet sich dies Baumart in Niederwaldkultur mit variablen Umtriebsintervallen entlang von Schnellstraßen und Eisenbahntrassen, aber auch als Abschirmung von Parks (Amber 2017). Die regelmäßigen Umtriebe erbringen Energieholz (Schredder) mit hohem Brennwert.
Die Umwandlung von intensiv bewirtschafteten Agrarflächen zu Kurzumtriebsplantagen ist von beachtlichem naturschutzfachlichem Wert, weil der Düngereintrag und chemischer Pflanzenschutz entfallen und zahlreiche neue Arten in Abhängigkeit der umgebenden Landschaft einwandern (LWB Wissen 79 und LWB aktuell 105, bes. Müller-Kroehling S.20-25). Auch auf maschinell schwer zu bewirtschaftenden Flächen ist die Anlage von Kurzumtriebsplantagen mit Castanea sativa eine betriebswirtschaftliche Option (hoher Brennwert des Energieholzes und Option von Überständern für Qualitätsholzproduktion ab dem 30-zigsten Jahr). Sie fördert die Bodenfruchtbarkeit durch starke Regenwurmbesiedlung (Anders 2013) und bietet Lebensraum für sehr viele Insekten (Segatz 2013).
Mit Sicherheit würde die Anlage von mit Castanea sativa im Verbund mit anderen Laubhölzern bepflanzten Winderosionsschutzstreifen auf den riesigen maschinengerecht gestalteten Agrarflächen, vor allem in Mecklenburg, das Risiko weiterer Katastrophen mindern. Solche Streifen würden gleichzeitig den nötigen genetischen Austausch von ansonsten isolierten Populationen der Fauna durch Wanderungen ermöglichen. Angesichts der fortschreitenden agrarindustrieller Logik folgenden Umgestaltung des ländlichen Raumes in strukturlose riesige Schläge, sollte über eine Pflicht zur Anlage von Erosionsschutzstreifen gesetzgeberisch beraten werden, um Biodiversität zu sichern und erneuten katastrophalen Erosionsereignissen mit Schädigung der Infrastruktur vorzubeugen. Anzustreben ist eine gemischte Pflanzung von verschiedenen schnellwachsenden Laubhölzern in solchen Erosionsschutzstreifen.
Die in Schleswig-Holstein erlassene Knickverordnung ist ein wichtiger Schritt zur Sicherung von Biodiversität. In der entsprechenden Gehölzliste ist allerdings die Castanea sativa nicht aufgeführt, weil dort ausschließlich regional bekannte Arten verzeichnet sind. Angesichts der außerordentlichen Eignung und Wertigkeit von Castanea sativa im Kurzumtrieb und der entomologischen Attraktivität ist jedoch auch die Einfügung dieser Baumart in bestehende und anzulegende Knicks zu empfehlen. Die dadurch mögliche Steigerung des Brennwertes des zehnjährig vorgeschriebenen „Auf-den-Stock-setzen“ wäre u.a. ein Beitrag, die Widerstände von Landwirten gegen diese Verordnung abzumildern.
Wirtschaftlich interessant ist in jedem Falle der Einsatz von Castanea sativa als Straßen- und Wegebegleitpflanzung und zwar in der Kombination von Kurzumtrieb und ausgewählten Überhältern für Wertholzproduktion, wie sie sehr erfolgreich u.a. in der Normandie traditionell betrieben wird (Bourgeois 2004).
Forstwirtschaftlich kommt diese Baumart bereits in Niedersachsen und Brandenburg (z.B. Sauener Wald <Stiftung August Bier>) zum Einsatz. Im waldarmen Schleswig-Holstein gibt es mit Sicherheit geeignete Flächen für deren Einsatz als Neuerung in anzulegenden Laubwaldmischkulturen.
Der bereits erwähnte behandlungsfreie Einsatz von Edelkastanienholz im Freien, vor allem als Baumaterial für Spielplätze und Abgrenzungen, macht eine stabil steigende Nachfrage nach diesem Holz wahrscheinlich und somit wirtschaftlich tragfähigen Anbau auch in Norddeutschland möglich. Derzeit wird die Nachfrage durch Importe überwiegend aus Frankreich bedient.
Wichtig ist es, bei der Pflanzung dieser Baumart in Norddeutschland zu beachten, dass nur veredeltes Pflanzgut zu einer sicheren Ernte von Maronen in wenigen Jahren führt. Sämlinge fruchten sehr viel später und können u.U. nur minderwertige, häufig auch taube Fruchtbecher abwerfen. Sie sind mit Walnusssämlingen vergleichbar, die auch erst nach ungefähr 15 Jahren offenbaren, welches Erbgut sie tragen. Das große Jugendwachstum dieser Baumart und die rasche Bildung einer kräftigen Pfahlwurzel mindern das Pflanzrisiko nach dem Anwachsen gegenüber den häufiger auftretenden langen niederschlagsfreien Perioden im Sommer und erlauben diese Kultur auch an sturmgeprägten Standorten in Schleswig-Holstein. Sie machen diese Bäume zu einer standsicheren Option an stark frequentierten Standorten im urbanen Raum. Bei Pflanzung an Alleen hat man in Mecklenburg die Erfahrung gemacht, dass Anwachserfolg am Besten war, wenn der Stammdurchmesser nicht mehr als 14 cm betrug.
Es gibt nur wenige systematische Untersuchungen zu den Beiträgen der Edelkastanie zur Biodiversität in Deutschland, was zum einen an den vergleichsweise noch geringen Vorkommen liegen kann. Zum anderen wird diese Baumart von Amateurdendrologen in lokalen Naturschutzverbänden fast wie ein Neophyt wegen seiner fälschlichen Beschränkung auf Weinbauklima behandelt. Die botanisch falsche Namensähnlichkeit zur Rosskastanie, die selbst eindeutig ein Neophyt ist, der erst Ende des sechzehnten Jahrhunderts erstmals nach Europa gekommen war und bis heute aus entomologischer Sicht noch immer vergleichsweise isoliert in der heimischen Fauna geblieben ist (Bubler).
Die Edelkastanie hingegen bietet nicht nur eine lang anhaltende reiche Bienenweide, die Ende Mai und Juni, also nach allen Frühjahrsblühern, bereit steht (Dieser Sortenhonig genießt eine große Wertschätzung), sondern die bisherigen Untersuchungen haben eine äußerst vielfältige Fauna in allen Lebensstadien bestätigt (Segatz S.161-172 und Segatz 2013), die das Pflanzen zur Stärkung und Stabilität von Biodiversität an geeigneten Standorten in Norddeutschland attraktiv macht und zwar als:
- als Solitärbäume, die dem Hitzestress in Innenstädten und Trockenphasen im Sommer (bei ausreichender Jahresniederschlagmenge) gewachsen sind
- als Landschaft strukturierende Parkbüsche (z.B. Zwergedelkastanie „Vincent von Gogh“)
- als Hecken zur Abgrenzung und als Feinstaubfilter in Kurzumtrieb entlang von Schnellstraßen und Schienenwegen. Es gibt Edelkastanien in sehr variablen Wuchsformen
- als Beimischung zu Erosionsschutzstreifen<mit Energieholzertrag> auf großen Schlägen
- als Ergänzung der Artenvielfalt in Knicks
- als schnell wachsende Energieholzplantagen (KUP) mit hohem Brennwert
- als Einfügung in Laubwälder, vor allem an Waldrändern (wg. Lichtbedürfnis)
- forstwirtschaftliche Pflanzungen zur Produktion von Nutzholz in mit Eiche vergleichbaren Eigenschaften bei geringerem Pflegebedarf und sehr viel kürzerer Umtriebszeit
- als Straßen- und Wegebegleitbäume mit Überhältern und Kurzumtrieb (Energieholz).
Zusammenfassend: Es gilt, diese bislang in Norddeutschland weitgehend „übersehene“ Baumart breit gestreut zu erproben, um besonders geeignete Orte und Rollen zu ermitteln.
Die Castanea sativa meidet kalkhaltige Böden, was unbedingt vor einer Pflanzung ermittelt werden muss. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts treten zwei Krankheiten bzw. Schädlinge in europäischen Beständen in Erscheinung (Conedera et al. 2018).
Neu hinzugekommen ist die Asiatische Edelkastaniengallwespe, sie wurde im Jahre 2002 erstmals in Italien nachgewiesen. Diese kleine Wespe vermehrt sich ungeschlechtlich und ist 2,5-3 mmm groß. Sie ist zwischen Juni und August flugfähig und legt bis zu 100 winzige Eier in neue Kastanienknospen. Im Spätsommer schlüpfen Larven, die ohne zu fressen überwintern. Im Frühjahr stimulieren sie die Kastanie zur Bildung von hellgrünen bis rosaroten Gallen (bis 2,5 cm groß). Die Larven fressen und verpuppen sich schließlich, sodass eine neue Generation Gallwespen fliegt. Nach dem Schlüpfen vertrocknet das Pflanzgewebe und bildet Eintrittspforten für weitere Krankheitserreger und führt in wenigen Jahren zum Sterben des Baumes. Die Asiatische Gallwespe hat einen natürlichen Antagonisten, der in Japan gefunden wurde und schließlich in Italien eingesetzt wurde. Während diese Wespe inzwischen in ganz Europa aufgetreten ist, gibt es Anzeichen, dass der sehr wirkmächtige Antagonist, eine Schlupfwespe, mitwandert.
Der Kastanienrindenkrebs ist die Folge eines Erregerpilzes, der gleichfalls aus Asien stammt. Die dortigen Edelkastanienarten Castanea mollissima und Castanea crenata sind im ko-evolutionären Prozess resistent geworden. Diese Resistenz wird bei Kreuzungen mit Castanea sativa vererbt. Dieser Pilz befällt die Rinde der Stämme und Äste, die infizierten Stellen werden rot und sinken ein. Der Baum reagiert mit Überwallung der infizierten Stellen. Schließlich durchwächst der Pilz die Rinde und tötet das Kambium ab. Unterhalb der Infektionsstelle bilden sich Wasserreiser, oberhalb sterben die Pflanzenteile ab. Auf der befallenen Rinde entstehen kleine orangene Fruchtkörper, in denen sich die Sporen entwickeln. Während die Einschleppung dieses Pilzes in den USA vor einhundert Jahren den Bestand von Castanea dentata <der amerikanischen Art> weitgehend vernichtet hat, sind die Folgen in Europa, wo der Pilz zum ersten Mal 1938 gemeldet wurde, weniger gravierend. Denn man hat von einem Virus befallene Pilzkulturen auf Castanea sativa gefunden. Sie wurden mit Erfolg vermehrt und wirksam zur Bekämpfung des Kastanienrindenkrebses eingesetzt. Inzwischen hat man beobachtet, dass die Verbreitung des Pilzes und des Virus, der die Schadwirkung verhindert, parallel verlaufen. Man spricht von Hypovirulenz. Dennoch ist darauf zu achten, dass man nur nachweislich infektionsfreies Pflanzenmaterial (Jungpflanzen und Edelreiser) einsetzt und jeden Befall, auch auf Totholz (!), beseitigt und verbrennt.
Schließlich die Tintenkrankheit, die schon früher hin und wieder beschrieben wurde, sie wird seit den neunziger Jahren wieder häufiger in ganz Europa gemeldet. Sie geht vom Wurzelsystem aus und zeigt aufsteigend flammenartig schwarz verfärbte Läsionen. Sie kann innerhalb von zwei bis drei Jahren zum Absterben des Baumes führen.
Zwei unterschiedliche Erreger, pilzähnliche Mikroorganismen, deren Habitat feuchte Böden sind, verantworten die Tintenkrankheit. Sie bilden ein zusammenhängendes Myzel aus fadenförmig wachsenden Zellen. Außerdem werden auch asexuelle Sporen gebildet, die im Wasser beweglich sind und bei Auftreffen auf eine Wurzel auskeimen und eine neue Infektion starten. Bei Befall wird vor allem Entwässerung empfohlen. Diese Erreger sind sehr kälteempfindlich und sind bisher nicht in Gebieten aufgetreten, in denen die Minimaltemperaturen unter 1,4° C liegen. Auch hier gilt, asiatische Kastanienarten sind weniger anfällig und entsprechend Hybriden aus Kreuzungen mit Castanea sativa, die von Baumschulen angeboten werden.
„Pflanze einen Baum“ ist eine Aufforderung, der jeder Bürger, der verantwortlich für seine Enkel handeln möchte, nachkommen kann und muss. Anlässe wie Geburt, Hochzeit, Andenken oder Patenschaften schaffen Aufmerksamkeit auf Bürgerbeteiligung. Eine Baumpatenschaft ist eine Patenschaft für eine „enkeltaugliche“ Zukunft. An Raum mangelt es nicht, denn es gibt, sehr viele entbehrlich versiegelte Flächen in unseren Städten, deren Entsiegelung zur Pflanzung von „Bürgerbäumen“ für eine zukunftsfähige Stadt einzufordern ist. Pomologen obliegt es, möglichst durch Musterpflanzungen von Obstgehölz aller Sorten dazu beizutragen, dass die Lebenswelt unserer Enkel weniger umweltbelastet sein wird und Freude am umfangreichen, nicht selten auch essbaren Stadtgrün haben werden. Dass der ländliche Bereich wieder kleinteilig strukturiert sein wird, um der Biodiversität Lebensgrundlagen zu bieten. Die Castanea sativa wird ein Baustein an vielen Stellen dieser anderen Entwicklung sein können.
Aus Samen gezogene Edelkastanien fruchten in der Regel erstmals nach 8 bis 15 Jahren, zuweilen auch noch später. Das ist offensichtlich auch abhängig von der Herkunft des Saatgutes, der Bodenzusammensetzung, des Klimas und auch der kleinklimatischen Bedingungen des Pflanzortes. Schneller fruchten Edelkastanien, die durch Veredlung angezogen wurden. Allerdings gilt die Einschränkung, dass die zur Veredlung verwendeten Edelreiser von adulten, sich bereits in generativer Phase befindenden Pflanzen stammen müssen. Diese Voraussetzungen werden in der Regel erfüllt durch Pflanzenmaterial, das von entsprechenden Baumschulen angezogen und vertrieben wird.
In Knicks sollten, entgegen den Vorstellungen einiger Umweltverbände, auch Esskastanien gepflanzt werden und dieses unter dem Aspekt, nach einigen Jahren Maronen in Knicks sammeln zu können. Es sollten wurzelhalsveredelte Kastanien gepflanzt werden. Diese werden innerhalb des 10-12 jährigen Umtriebs bereits eine Vielzahl von Maronen produziert haben. Wegen der tiefen Veredlungsstelle können sie auch auf den Stock gesetzt werden, das wird der Veredlung nicht schaden. Im Gegenteil: Durch den starken Rückschnitt werden sie sehr schnell kräftig treiben und erneut Früchte produzieren, von Jahr zu Jahr mehr.
Werden Wildlinge zur Knickbepflanzung verwendet, ist die Zeitspanne zum erstmaligen Fruchten wesentlich länger und die Qualität der Maronen wird erst sehr viel später erkannt. Die Chance, minderwertige Früchte zu erhalten, ist hoch.