Vom Hochstamm in den urbanen Raum:
Erweiterter Blickwinkel tut Not


Aufgewachsen am Rande des Odenwaldes war für mich die Erinnerung an zwei schöne sonntägliche Wanderungen der Familie prägend, ab 1945 in jedem Jahr weit in den Odenwald hinein, im Frühjahr zur Apfelblüte auf den steilen Wiesen bis zum Waldrand und im Herbst mit einem Leiterwagen, der voll mit Äpfeln für den Winter beladen nach Hause gezogen wurde. Als ich im Jahre 1973 meiner Frau die Apfelblüten meiner Kindheit zeigen wollte, waren fast alle Bäume frisch gefällt. Später habe ich gelernt, dass dies der subventionierten „Marktbereinigung“ auf europäischer Ebene geschuldet war.

Ende der 1980er Jahre tauchte in den Naturschutzverbänden der Schlüsselbegriff „Streuobstwiese“ auf. 1993 habe ich in Erinnerung an meine Kindheit gemeinsam mit meiner Frau damit begonnen, fern meiner Heimat am Rande eines stadtnahen Naturschutzgebietes in Hamburg auf zwei Hektar die schöne Welt meiner Kindheit zu schaffen. Sie wurde nun „Streuobstwiese“ genannt, denn beim NABU gab es einen „Streuobstrundbrief“ u. a. mit der Information, dass es wieder einen Pomologenverein gäbe. Der Pomologenverein und der „schwäbisch-geprägte“ Rundbrief haben mir über die Jahre die notwendigen Informationen zur fachgerechten Anlage und Pflege der Wiese verschafft. 2006 bekamen wir dafür sogar einen Umweltpreis.

Aber in den letzten Jahren sind mir zunehmend Zweifel gekommen, ob das gegenwärtige Profil der pomologischen Bewegung nicht zu sehr an einer vergangenen Phase bäuerlicher Landwirtschaft orientiert ist, um im Umfeld dynamischer Veränderungen unserer Lebenswelt dauerhaft das pomologische Erbe zu bewahren. Sicherlich ist es ein großer Erfolg, dass es gelungen ist, noch vorhandene Spuren von Obstanbau in der bäuerlichen Welt des 19. Jh. zu erhalten und an geeigneten Orten zu reproduzieren. Mit großem Eifer tragen Pomologen alle Vorzüge von extensiv bewirtschafteten Obstwiesen für Natur, Landschaft, Gesundheit und Erholung in fundierten Studien zusammen. In der Tat gilt heute die Obstbaumwiese als wertvoller Landschaftsraum mit der größten Tier- und Pflanzenvielfalt, die man nördlich der Alpen finden kann. (siehe Weimer S. xx in diesem Heft). Spiegelbildlich werden die Nachteile und Risiken der modernen Intensivkulturen im Obstanbau plakatiert. Im Besonderen wird die Erhaltung alter Sorten angesichts der starken genetischen Verengung der Sorten im modernen Obstanbau als Prävention gegen Krisen à la Phylloxera porträtiert. Denn die totale Krise des Weinbaus in Europa vor über einhundert Jahren konnte erst überwunden werden, als Reblaus (Phylloxera)-resistente amerikanische Sorten als Unterlagen für den Wein in Europa verwendet wurden. Allerdings gibt es angesichts des Standes heutiger Genforschung wahrscheinlich auch sichere Strategien einen möglichst breiten Genpool verfügbar zu halten, die von der pomologischen Bewegung einzufordern wären, ohne freilich von der Sammlung und Erhaltung von „alten“, vor allem regional erhaltenen Sorten abzulassen.

Nun jedoch zu den Beobachtungen für meine Zweifel mit denen ich die Notwendigkeit einer deutlichen Strategieerweiterung pomologischen Engagements begründe, die ich im letzten Abschnitt erläutern werde. Bei Fahrten im Mai über Land in Norddeutschland sieht man endlose gelbe Blütenmeere und ebenso endlose frisch bearbeitete Böden, aus denen zarte grüne Pflänzchen sprießen, die sich Wochen später als Maisfelder entpuppen. Die Bodenbearbeitungs-, Gift und Dünger ausbringenden Maschinen sind hochmodernes riesiges Gerät, das man eher im Kohletagebau vermutet hätte. Auf sehr lange Sicht stellt sich wahrscheinlich sogar die Frage, was schädlicher für den Erhalt der Vielfalt unserer Natur ist, der Kohletagebau oder die großflächige intensive Produktion erneuerbarer Energie auf unseren Äckern, die gesetzlich vorgeschrieben u. a. unseren Tankfüllungen beigemischt wird. Jedenfalls werden die ländlichen Räume von quasigroßindustrieller Landwirtschaft aufgesogen und kollidieren unmittelbar mit der ständigen Erweiterung städtischer Räume, dazwischen liegen nur die kontinuierlich wachsenden versiegelten Flächen der Verkehrsinfrastruktur, einschließlich riesiger Parkplätze der Großmärkte „auf der grünen Wiese“. Für Streuobstwiesen als Landschaftspflege und Erholungsräume, die sich wirtschaftlich nicht „rechnen“, sondern nur dauerhaft bestehen, wenn sie von lokalem Bürgerengagement mit langem Atem über mehrere Generation getragen werden, bleibt da wenig Raum. Die hart erkämpften meist kleinräumlichen Naturschutzgebiete sind dabei kaum mehr als ein Placebo gegen diese nur schwer aufzuhaltende agrarindustrielle Entwicklung.

Die Anfänge der Obstkultur in Europa: Die hochentwickelten Obstkulturen des Römischen Reiches waren weitgehend untergegangen. Spuren dieses Wissens, in Klöstern bewahrt, bildeten den Anfang von Obstkultur im frühen Mittelalter. Sie wurde in der Renaissance zum wichtigsten Gestaltungsmittel von mit Mauern umgegebenen aristokratischen Gärten. Formobst und Spindelbäume, ausgesucht nach Schönheit der Blüten und Früchte bildeten streng geometrisch ausgerichtete „Lustgärten“ und waren einschließlich Gewächshäusern und „Orangerien“ die Visitenkarten der Adelsgeschlechter und reichen Kaufleute. Höhepunkt dieser Gartenkultur waren die Gärten Le Nôtres, dem Hofgärtner des Sonnenkönigs u. a. in Versailles. Sie fanden ein Jahrhundert lang aufwändige Nachahmung in ganz Europa. Sie wurden erst im 19. Jh. durch die Anlage weitläufiger Parks nach englischem Vorbild abgelöst.

Ursprung der Streuobstwiesen: Ein Blick in die Geschichte des Obstbaues in Europa zeigt, dass die Streuobstwiesen, um deren Erhalt und Neuanlage heute an vielen Orten große Anstrengungen unternommen werden, erst nach dem 30-jährigen Krieg im Zeitalter des Absolutismus, trotz hoheitlicher Dekrete zum Pflanzen von Obstbäumen, nur sehr langsam Gestalt angenommen haben. Die hierfür notwendige gezielte Sortenwahl wurde in Deutschland erst mehr als einhundert Jahre später vor allem von protestantischen Pfarrern, die wir heute als Begründer der Pomologie ehren, zur Verbesserung der Ernährungslage der bäuerlichen Bevölkerung systematisch gefördert. Grundlage war ein europaweiter Tausch von Reisern, wobei die am weitesten entwickelte französische Obstkultur der vielleicht wichtigste Lieferant war. In diesem Prozess hat sich die Kulturform Streuobstwiese, als beweideter Teil der Anbaufläche herausgebildet. Aber auch auf ackerbaulich genutzten Flächen wurden Obstbäume gepflanzt. In beiden Fällen waren Hochstämme geboten, zum einen um die Früchte vor den Weidetieren zu schützen und zum anderen um die Äcker bearbeiten zu können. Vor allem mit dem Eisenbahnbau erschlossen sich dem Obstanbau verstärkt überregionale Märkte in den rasch wachsenden Städten. Pomologische Anstrengungen zielten daher auf eine Effektivierung des Anbaus und der Schaffung standardisierter Obstsortimente. In der Folge begannen vor gut 100 Jahren schrittweise Halb- und Niederstämme im Erwerbsanbau zu dominieren.

Zumindest für Norddeutschland scheint es mir ziemlich illusorisch, das Markenzeichen der pomologischen Bewegung, „die Streuobstwiese“, gegen den ländlichen Kahlschlag durch die Produktion erneuerbarer Energie zu erhalten. Die Propaganda des Naturschutzes suggeriert, dass es darum ginge, ursprüngliche Natur zu schützen. Tatsächlich handelt es sich immer nur darum, bestimmte Typen historischer Kulturlandschaften zu konservieren, wie zum Beispiel die Streuobstwiese. Die geradezu romantisierende Konzentration auf bestimmte historische Kulturlandschaften führt dazu, dass unserer zunehmend urban geprägten Lebenswelt von Naturschützern, aber auch von der gegenwärtigen pomologischen Bewegung zu wenig Beachtung geschenkt wird. Ein Angang wurde auf der Jahrestagung des Pomologen-Vereins im Jahre 2011 mit einem Referat zum Spalierobstbau gemacht. Dieses pomologische Feld muss aber intensiv bearbeitet werden, denn sonst wird seitens der Pomologie die Chance vertan, urbane Räume durch Rückgriff auf die Obstbaukulturen der Renaissance in ihrer Lebensqualität deutlich aufzuwerten. Platz für vielfältiges Formobst selbst in kleinsten Gärten, Säulenäpfel auf Balkonen, Spaliere an Hauswänden, in Gärten auf Flachdächern und Carports, sogar Hochstämme als Straßenbegleitpflanzung zur Verkehrsberuhigung gibt es reichlich. Auch Platz für kleine öffentliche Gärten, wie sie Johan Prokop Mayer, der Autor der Pomona Franconia, für den Fürstbischof Adam Friedrich von Seinsheim in Würzburg vor über 200 Jahren geschaffen hatte, gibt es reichlich in unseren vernachlässigten Städten. Eine derartige Ausweitung pomologischen Engagements würde den Umzug der Imker in die Städte auf der Flucht vor agrarindustriellen Monokulturen ergänzen. Vielleicht hilft es der Ausweitung des pomologischen Engagements hinein in unsere urbane Lebenswelt, dass eine ausführliche Anleitung zur Pflege von Formobst in deutscher Übersetzung verfügbar ist, verfasst von den heutigen Leitern der historisch bedeutenden Obstgärten in Versailles und des Jardin du Luxembourg. In Großbritannien hat die nationale Streuobstinitiative „Common Ground“ im Nordosten Londons ein Kataster der vorhandenen Obstbäume in den winzigen Gärten erstellt und war überrascht, dass man vierzig Apfelsorten identifizieren konnte. Für mich heißt das, auch unsere städtischen Räume verdienen pomologische Aufmerksamkeit als Ergänzung zu den derzeit dominanten Arbeitsfeldern des Pomologen-Vereins.

 

LITERATUR
Beccaletto, Jaques, Denis Retournard: Obstgehölze erziehen und formen, Spaliere, Kordons, Palmetten, Stuttgart 2007, E. Ulmer.
Campbell, Christy: Phylloxera How Wine was Saved for the World, London 2004, HarperCollins Pub.
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2007), Holder & Stoughton.
Common Ground, the common ground book of orchards conservation, culture and community, London 2000 (Common Ground).
Juniper, Barrie E., Mabberley, David J.: The Story oft he Apple, Portland 2006, Timber Press.
Morgan, Joan, Alison Richards, The New Book of Apples, London 2002 revised and updated edition. (Ebury Press).
Phillips, Michael, The Holistic Orchard Tree Fruits and Berries the Biological Way, White River Junction Vt. 2011 (Chelsea Publishing Company).
Pomona Franconica, Früchte für den Fürstbischof, Begleitbuch Ausstellung Univ. Würzburg, 2007.
Schuricht, Werner; Der Obstbau Mitteldeutschlands vom Mittelalter bis zum Jahre 1945, Erfurt 2009, Dt. Gartenbaumuseum.
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Wimmer, Clemens Alexander, Geschichte und Verwendung alter Obstsorten, Berlin 2003, Dt. Ges. für Gartenkunst und Landschaftskultur e.V.)
Zehnder, Markus, Friedrich Weller; Streuobstbau: Obstwiesen erleben und erhalten, Stuttgart 2006, Ulmer.