Die Universität hat sich nach dem Krieg geschichtsvergessen im stark zerstörten Stadtteil fortlaufend ausgebreitet. Es ist ein Stadtteil, den die verzögerte Integration Hamburgs in das deutsche Kaiserreich geprägt hatte. Einerseits war der Grindel durch einen hohen Bevölkerungsanteil von Menschen jüdischen Glaubens mit mehreren Synagogen und eigener Schule geprägt, andererseits wurde das Infanterieregiment 76 aus Hameln in die Freie und Hansestadt und schließlich im Kaiserreich in das Grindelviertel verlegt. Dieses Regiment konnte 1899 in ihrer Nachbarschaft die Umbenennung der Louise Schröder Straße in Sedanstraße feiern und 1936 den Krieg verherrlichenden Klotz am Dammtorbahnhof hinterlassen.
Der „Muff von tausend Jahren“, den Studenten 1967 im Audimax denunziert hatten, war in Hamburg aber eigentlich noch keine 50 Jahre, erst mit sozialdemokratischer Mehrheit in der Bürgerschaft hatte ihn der konservative Bürgermeister von Melle 1919 mit der verspäteten Gründung der Universität nach Hamburg geholt. Bei deren Gestaltung waren die Sozialdemokraten jedoch ausgeschlossen. Der „Muff der Ordinarienuniversität“ beherrschte die Universität auch nach 1945. Für seine Wiedereinstellung musste ein vertriebener Germanist jüdischen Glaubens Walter A. Behrendson fast 100 Jahre werden, bis die Hamburger Universität sich 1983 mit der Verleihung der Ehrendoktorwürde für ihre Zurückweisung seiner Wiedereinstellung in den fünfziger Jahren schließlich in Stockholm entschuldigt hat.
Es spiegelt die „muffige Dominanz“ in der Hamburger Universität, dass das gesamte Areal 1961 „von Melle Park“ wurde, einschließlich eines Hochbunkers auf einer Teilfläche der abgerissenen Synagoge, der Rest der Fläche war ein wilder Parkplatz. Eine winzige Tafel am Bunker behauptete, die Synagoge sei in der sog. Reichskristallnacht zerstört worden. Richtig ist, sie wurde geschändet und beschädigt, aber erst im Sommer 1939, mit Unterbrechung im September wegen des Überfalls auf Polen, abgerissen, um Platz für den Hochbunker zu schaffen.
Ende der siebziger Jahre wollten Theolog*innen und Sozialwissenschaftler*innen die Sedanstraße in Mandelastraße umbenennen. Man beschied, dass Namensgeber für Straßen leider mindestens fünf Jahre tot sein müssten. Auf der Grundlage dieses Bescheides wollten viele Universitätsangehörige zum zehnten Jahrestag der Ermordung des demokratisch gewählten Präsidenten Chiles aus dem von Melle Park einen Allende Park machen. Das sozialdemokratisch geprägte Hamburg konnte dieses Anliegen nicht völlig zurückweisen.
Es wurde ein kleiner Allende Platz. Der „Importeur des Muffs“ wird weiter mit der Namensgebung des größten Teils des Universitätsgeländes geehrt. Die Sedanstraße hat im geschichtsvergessenen Hamburg und seiner geschichtsvergessenen Universität weiter Bestand. Der 2. September, der Sedantag, war in chauvinistischer Vorbereitung des Ersten Weltkrieges ein Feiertag im Kaiserreich, an dem die Feindschaft zu Frankreich zelebriert wurde.
Dennoch haben wir uns 1983 über diesen kleinen Erfolg im politischen Kampf für ein demokratisches Chile gefreut und aus dem Dachbüro unserer Arbeitsgruppe „Welthunger“ im Pferdestall ein 20 m langes Schrifttuch gehängt. Es bleibt jedoch noch Vieles zu diskutieren und tun im „Universitätsviertel“. Umgang mit dem Namen von Melle; Umbenennung der Sedanstraße; der geplante unzeitgemäße Wiederaufbau der, architektonisch im Stile wilhelminischen Pomps gestalteten, 1906 eingeweihten Hauptsynagoge am Bornplatz, heute Allendeplatz?
Peter Lock für den 11.September 2020