Vor meiner ersten Begegnung mit Alain Anfang 1973 hatte ich mit großer Anerkennung seine Studie zum chilenischen Militär gelesen, die im Gegensatz zu den sonstigen, quasi kolonialen „Studien“ der Europäer und US-Amerikaner zu Lateinamerika in spanischer Sprache vorlag. Zu dem Treffen mit Ulrich Albrecht und Mary Kaldor <damals hatte sie gerade mit dem sehr plastischen Begriff „baroque technology“ militärische Güter kritisiert> in der Forschungsstelle der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler brachte Alain eine umfangreiche globalhistorische Ausarbeitung zur Typologie von Kriegen. Mangels Kenntnis der französischen Sprache habe ich mit meinen spanischen Kenntnissen und der Arbeitssprache Englisch bei diesem Treffen immerhin halbwegs verstanden, dass es ein mit viel Wissen gesättigtes Arbeitspapier jenseits deutscher Diskurse war. Es war mir plötzlich klar, dass ich in der amerikanischen Besatzungszone ohne Französisch aufgewachsen diese Sprache lernen musste. Meine Wahrnehmung von Frankreich war bis dahin von verhaltensgestörten Männern ein Dutzend Jahre älter als ich geprägt, die als volksdeutsche Jugendliche Soldaten der Waffen-SS geworden waren und nach 1945 orientierungslos sich in die Fremdenlegion geflüchtet hatten. Nach der Niederlage in Dien Bien Phu und Entlassung aus der Fremdenlegion fanden sie in der restaurativen, vom sog. Wirtschaftswunder geprägten Bundesrepublik keinen Platz. Der Algerienkrieg war eine Steigerung meiner Ablehnung. 1968 und die Schriften de Beauvoir, Sartre und Camus waren leider nicht Anstoß genug gewesen, die Bedeutung der französischen Sozialwissenschaften zu erfassen und die deutschen Diskurse aus ihrer damaligen fast schon kolonialen Reproduktion der entpolitisierten, aber imperial fungiblen Sozialwissenschaften in Amerika zu lösen. Der letztlich irrelevante Rückzug in die diversen fundamentalistischen Diskurse mit marxistischem Vokabular nach 1968 in der Bundesrepublik bot keine Alternative.
Ich denke, dass es Alains souveräne Begrifflichkeiten waren, vor allem die inhaltliche Füllung des Begriffes „Strategie“, die letztlich der entscheidende Anstoß für mich wurden, obwohl ich aus Lateinamerika zurückgekehrt ursprünglich agrarsoziologisch forschen wollte, mit militärkritischen Veröffentlichungen einen Diskurs zur Sicherheitspolitik in der Bundesrepublik einzufordern. Ein „Antiweißbuch“ als Rowohlt Taschenbuch und eine periodische militärkritische Materialsammlung „Militärpolitik Dokumentation“, die ich von 1975 bis 1991 verantwortet habe, gehören zu den mittelbaren Wirkungen der Anregungen der Lektüre von Alains Schriften und in den folgenden Jahren intensiven Kontakten mit seinem Team, das er am Rande von Science Po mit CIRPES etabliert hatte.
Auch wenn es mir nie gelang, durch einen Arbeitsaufenthalt in Frankreich mein über lange Jahre spät erworbenes passives Verstehen der französischen Sprache in Fähigkeit zur aktiven Kommunikation zu erweitern, habe ich in der Folge einige sehr wichtige französische Texte zu einer Veröffentlichung in Deutschland geführt, darunter Alain Joxe, Jean Paul Hébert, Pierre Metge, Jean Klein, Walter Schütze <IFRI>, François Jean et Jean-Christophe Rufin <Économie des guerres civiles>, François Chesnais et Claude Serfati, Jacques Sapir, Alesandro Monsutti, u.a.m.
Erst durch zahlreiche Gespräche im Kontext von CIRPES habe ich die fatale neoliberale Politik des Sozialdemokraten Schröder und den neoliberalen Charakter der in Frankreich zur Abstimmung stehenden europäischen Verträge verstanden. Die Nichtbeteiligung Deutschlands unter Schröder am Krieg gegen den Irak hatte den Blick auf seine neoliberale Steuer- und Wirtschaftspolitik in Deutschland lange verschleiert. Denn kaum im Amt hatte Schröder mit Chirac sieben Jahre falsche Agrarsubventionen der EU festgeschrieben und ist dann nach London geflogen, um seine Übereinstimmung mit Blairs Neoliberalismus zu verkünden.
Mit der Auflösung der Sowjetunion hatten sich meine Arbeiten zum Verhältnis von globaler neoliberal strukturierter Wirtschaft und Unterdrückung und Gewalt in vielen Punkten mit Alains Analysen getroffen. Mein Engagement in Russland nach 1990 hat er sofort verstanden und mir sehr fruchtbaren Kontakt mit seinen Kollegen am Science Po darunter Jacques Sapir und der französischen Sicht auf die Sowjetunion vermittelt. Es wurde mir rasch deutlich, dass die institutionelle Trennung von Forschung zur sog. „Dritten Welt“ und zum postsowjetischen Raum analytisch nicht gerechtfertigt ist. In den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts angelegte Krisen in Polen, Argentinien und Jugoslawien wurden als isomorphe Spiegelung internationaler Finanzmärkte sichtbar.
Alains Buch „L’empire du chaos“ aus dem Jahre 2002 hat die fehlende Kohärenz zwischen der amerikanischen globalen militärischen Präsenz und Einsatz der Gewaltmittel mit den amerikanisch dominierten Interessen des Finanzkapitals minutiös dekliniert. Sofort habe ich mich intensiv bemüht, einen deutschen Verlag für dieses wichtige Buch zu finden. Alains breites Oeuvre hatte aus meiner Sicht eine brillante, für jeden lesbare Zusammenfassung der Kritik an der inkohärenten Rolle der amerikanischen „militärischen Supermacht“ gefunden. Tatsächlich hatte ich die Zusage der Hamburger Edition erreicht,mit einer deutschen Ausgabe des L’empire du chaoseine neue Taschenbuchreihe zu eröffnen. Später erfuhr ich jedoch, dass das Projekt von einem einmal im Jahr tagenden wissenschaftlichen Beirat mit der Begründung blockiert wurde, man wolle die USA angesichts der Nichtbeteiligung Deutschlands am 2. Irakkrieg nicht zusätzlich durch dieses Buch provozieren. Den ersten Irakkrieg (Kuweit) hatte Kanzler Kohl mit einer Milliardenzahlung an die USA als Kompensation für die Nichtbeteiligung finanziert.
Etwa zur gleichen Zeit hatte Alain einen zentralen Aufsatz für einen Sammelband geschrieben, den ich gemeinsam mit Sabine Kurtenbach für die Stiftung Entwicklung und Frieden unter dem Titel „Kriege als (Über)Lebenswelten“ herausgegeben habe. Die Stiftung bestand auf Streichung dieses zentralen Aufsatzes. Erst nach einer harten Auseinandersetzung erschien dann immerhin eine von mir verantwortete Kürzung des Aufsatzes in diesem Band.
10 Jahre später 2012 erschien Alains „Les guerres de l’empire global – spéculations financières, guerres robotiques, résistance démocratique“. Für mich ist diese Analyse das Vermächtnis der umfassenden analytischen Arbeiten von Alain Joxe. Ich betrachte sie als Aufforderung an die Friedensforschung, mit dieser umfassenden Methodik Alains Analysen fortzuschreiben.
Sein Befund, dass Ausbeutung und Unterdrückung demokratischer Willensbildung im globalen Maßstab nicht länger vom direkten Einsatz militärischer Macht abhängig ist, macht Alain in diesem Buch bereits mit der einleitenden Überschrift „Le nouvel Hitler ne sera visible“ deutlich. Der präzise schrittweise Blick auf die orientierungslose amerikanische Strategieentwicklung nach dem Ende der Sowjetunion beleuchtet die immer dominantere globale Rolle des Finanzkapitals und staatlicher Interventionspolitik jenseits aller Rechtsnormen u.a. mittels ferngesteuerter, meist luftgestützter Kampfmittel und destruktiver Störungen von Infrastrukturen.
Leider wird die Friedensforschung in Deutschland von Dienstleistungsaufträgen des Auswärtigen Amtes und anderer Ministerien dominiert. Es gibt kaum eine Spur von Fortschreibung der von Alain entwickelten analytischen Sicht auf Strategien, die angesichts der Entwicklungen in den USA für Europa notwendiger denn je wäre.
Aber in Deutschland gibt es bis heute keinen Strategiediskurs, sondern nur reichlich peinliche Vokabeln, die eine bedingungslose Gefolgschaft amerikanischer Politik in Europa als deutschen Sicherheitsinteressen geschuldet reklamieren. Jüngstes Beispiel: mit dem Kauf amerikanischer Kampfflugzeuge will die Verteidigungsministerin die „nukleare Teilhabe“ Deutschlands sichern. Die im Rahmen der NATO fahrlässig gegebene Zusage zwei Prozent der Bruttosozialproduktes für Verteidigung aufzuwenden, entbehrt jeder Logik, wird aber mangels eines Strategiediskurses der notwendige militärische Anstrengungen zu entwickeln hätte, als politische Verpflichtung deutscher Sicherheitspolitik gehandelt.
Bleibt mir zu hoffen, dass es den jüngeren deutschen SozialwissenschaftlerInnen, ausgerüstet mit guten französischen Sprachkenntnissen, in naher Zukunft auf europäischer Ebene gemeinsam gelingt, die von Alain aufgezeigten analytischen Pfade weiter zu entwickeln und die Ideologie der absoluten Dankbarkeit gegenüber Amerika für die Befreiung meines Landes vom Nationalsozialismus als totale Denkschranke in Deutschland zu überwinden.
Alain, merci !